„Avatar – Aufbruch nach Pandora": Über sieben Jahre lang wurde an einer neuartigen 3D-Animationstechnologie, einem virtuellen Kamera-System und vielen anderen technischen Raffinessen gefeilt, damit Regisseur James Cameron seinen Fantasy-Film über einem actionreichen Kampf um Bodenschätze auf einem fiktiven erdähnlichen Mond namens „Pandora" in einem weit entfernten Sonnensystem im Jahr 2154 drehen konnte. Ein voller Erfolg. Der Film, räumte bei der Oscarverleihung drei der begehrten Statuetten ab, war für sechs weitere nominiert und ist mit Gesamteinnahmen von derzeit 2,6 Milliarden US-Dollar der größte Kassenschlager aller Zeiten.
Ohne Auszeichnung mit Filmpreisen „inszenieren" andere Akteur/innen den ultimativen Angriff auf natürliche Ressourcen, die bisher von indigenen Völkern im Einklang mit der Natur verwaltet wurden, noch viel real(istisch)er als Cameron: die einflussreichen brasilianischen Baukonzerne und andere Großunternehmen und gemeinsam und mit ihnen die brasilianische Regierung. Ein geplantes gigantisches Wasserkraftwerk, das am Xingu-Fluss im brasilianischen Bundesstaat Pará entstehen soll, veranlasst auch die brasilianische Ex-Umweltministerin Marina Silva zu fragen: „Ist hier Pandora?"
Ein problematisches Projekt mit Vorgeschichte
Die Pläne für das Mammut-Projekt stammen noch aus der Zeit der Militärdiktatur. Aufgrund der massiven Proteste der betroffenen Völker des Xingu – mehr als 28 ethnische Gruppen leben in der Region – zog sich im Jahr 1989 die Weltbank aus dem Projekt zurück, was das vorläufige Aus bedeutete. Bereits damals setzte sich Dom Erwin Kräutler als der Bischof der Prälatur Xingu und Präsident unserer Partnerorganisation CIMI (Indianermissionsrats der brasilianischen Bischofskonferenz) für die Rechte der indigenen Völker ein. Er ist auch heute eine der Symbolfiguren des Widerstands gegen das von der Regierung Lula als Schlüsselprojekt des ambitionierten „Programms zur Beschleunigung des Wachstums" wieder aufgegriffenen Projekts.
Für das weltweit drittgrößte Wasserkraftwerk soll eine Fläche von mindestens 500 Quadratkilometer (mehr als die dreifache Größe des Neusiedler Sees) überflutet werden, mindestens 20.000 Menschen sollen zwangsumgesiedelt werden und 200 Millionen Kubikmeter Erdreich sollen bewegt werden (mehr als für den Bau des Panama-Kanals nötig war). Doch es gibt Zweifel an der technischen Sinnhaftigkeit des Projekts: Die Wasserführung des Rio Xingu ist hochgradig unbeständig. Die Nennleistung des projektieren Kraftwerks von 11 Gigawatt könnte daher voraussichtlich nur drei bis vier Monate im Jahr erbracht werden. Lediglich eine Leistung von 4,4 Gigawatt gilt als gesichert.
Dramatische Auswirkungen auf Menschen und Natur
Die Region „Volta Grande" (große Schlinge) des Xingu wird durch den Bau des Kraftwerks praktisch trocken gelegt. „Belo Monte" wird auf einer Strecke von hundert Kilometern Wasserfälle, Stromschnellen und natürliche Flussläufe zerstören und verändern. Die Nebenflüsse des Xingu werden austrocknen und die Menschen, die vom Fischfang und von kleinstrukturierter Landwirtschaft leben, werden ihrer Lebensgrundlage beraubt. Aber nicht nur sie würden durch „Belo Monte" verlieren, sondern die gesamte Menschheit: Viele der Fisch-, Vogel- und Säugetierarten gibt es nur hier und sie würden unwiederbringlich verloren gehen.
Trotz der gravierenden Auswirkungen auf ihren traditionellen Lebensraum und ihre Lebensweise hatten die Hauptbetroffenen – den indigenen Völker der Region – noch in keiner einzigen offiziellen Anhörung die Möglichkeit, sich über Projekt zu informieren und ihre Bedenken und Einwände vorzubringen. Dies stellt eine klare Verletzung der brasilianischen Verfassung und internationaler Abkommen zum Schutz der Rechte der Indigenen Völker darstellt. Auch die brasilianische Bischofskonferenz kritisierte, „dass die Flußbevölkerung und indigene Gemeinschaften, die in der Region des Xingu leben, keine ‚wirkliche Gelegenheit’ hatten, die Angelegenheit zu debattieren."
Wer profitiert von „Belo Monte"?
Obwohl das Projekt tatsächlich Fortschritt und Wohlstand in die Region zu bringen wird, wie von der Regierung bei jeder Möglichkeit betont wird, muss angezweifelt werden. Die Strompreise sind in Brasilien bereits jetzt sehr hoch. Der Großteil des von „Belo Monte" produzierten Stroms wird in exportorientierten Industrieunternehmen, etwa zur Aluminium-Produktion, eingesetzt werden. Die Bischöfe des Bundesstaats Pará kritisieren das Projekt und das dahinterliegende Entwicklungsparadigma der Regierung Lula, das jene „privilegiert, die die politische und wirtschaftliche Macht im Land besitzen". Die angestrebte Entwicklung habe nicht soziale Gerechtigkeit zum Ziel, sondern implementiere ein „unterdrückendes Entwicklungsmodell".
Auch Österreich ist involviert
Leider hat mit dem steirischen Turbinenhersteller Andritz AG auch ein österreichisches Unternehmen angekündigt, sich trotz aller sozialer und ökologischer Gefahren, an der Realisierung von „Belo Monte" beteiligen zu wollen. Bischof Erwin Kräutler machte diesbezüglich klar: „Dieses Projekt ist ein Verbrechen an der Natur und an den Menschen. Die Andritz AG darf sich auf keinen Fall daran beteiligen." Die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar hat sich gemeinsam mit 32 anderen Organisationen und Gruppen in einem Brief an das Unternehmen gewandt und darum ersucht, von einer Beteiligung Abstand zu nehmen.
Wie in Camerons Science-Fiction-Film sind auch die abgestammten Einwohner/innen am Xingu nicht gewillt, ihren Lebensraum kampflos aufzugeben. Schon im Dezember sagten die betroffenen indigenen Völker in einer Erklärung: „Der Rio Xingu wird ein Fluss voll Blut, dies ist unsere Botschaft. Wenn die brasilianische Regierung Belo Monte auf Biegen und Brechen baut, dann liegt die ganze Verantwortung auch bei dieser Regierung und ihren Repräsentanten und bei der Justiz."
Die Dreikönigsaktion und ihre Partnerorganisationen werden alles daran setzen, dass es nicht zu einem apokalyptischen Endkampf kommen wird, wie in „Avatar". Auch James Cameron unterstützt die Einwohner/innen am Xingu. Gemeinsam mit Sting möchte er eine NGO gründen, um eine weltweite Kampagne gegen Belo Monte zu starten.
Auch Sie können sich an den Aktionen beteiligen, in dem Sie die folgenden Petitionen unterstützen: