Chile: Nachwehen des Bebens
Die aktuellen Zahlen besagen, dass bei dem schweren Erdbeben am 27. Februar 2010 rund 800 Menschen ums Leben kamen. In der Zone, welche vom Erdbeben mit dem Wert 8,8 auf der Richterskala betroffen war, leben rund 80% der Bevölkerung Chiles. Nach einigen bangen Tagen, in denen es keine bzw. nur teilweise Möglichkeiten zur Kommunikation mit unseren Projektpartner/innen gab, wird nun immer wahrscheinlicher, dass unsere Projektpartner/innen am Leben sind. (die Projekte im Schadensgebiet) Die Schäden an Häusern, Straßen, Brücken, Strom-, Wasser- und Telefonleitungen sind aber enorm, selbst dort wo die Grundversorgung mittlerweile behelfsmäßig wieder in Gang gebracht werden konnte. Auch die psychische Belastung der Betroffenen ist enorm. Die Menschen stehen wortwörtlich vor den Trümmern ihrer Existenz und zusätzlich ließen Nachbeben, mit Stärken von bis zu 7,2 auf der Richterskala, auch noch Tage später die Chilen/innen nicht zur Ruhe kommen…
Besonders betroffen waren die beiden Regionen Maule und Bío Bío, über die von der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet der Ausnahmezustand, für die Dauer von 30 Tagen, verhängt wurde. Nach Angaben unserer Projektpartner/innen wurden in manchen Städten bis zu 50% der dortigen Gebäude zerstört. Doch Ausnahmezustand bedeutet in Chile nicht nur Ausgangssperren zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung, sondern auch, dass das Militär jegliche Entscheidungen eigenständig treffen kann und somit die politische Kontrolle über das betroffene Gebiet erhält. Ein Schritt der vordergründig mit den tatsächlich geschehenen Plünderungen begründet werden mag, der bei kritischeren Geistern und der Zivilbevölkerung aber auch schmerzliche Erinnerungen an die Zustände während der Militärdiktatur der 1970er und 80er Jahre hervorruft.
Die Verwüstungen entlang der Küsten von Bío Bío und Maule, wo erst der Tsunami in der Folge des Hauptbebens ganze Häfen und Küstendörfer abräumte, dürften ganz besonders dramatisch sein. Die Informationen die bislang bei uns eintrafen, geben uns noch kaum einen Hinweis darauf wie stark die konkreten Zerstörungen einzuschätzen sind, wir erfahren vielmehr in welchen Gebieten sich unsere Projektpartner/innen einen Überblick über die Schäden verschaffen oder sich bereits engagieren, um die schlimmsten Notstände zu beheben. Gerade innerhalb der katholischen Kirche gibt es sehr schöne Zeichen von Solidarität mit den Menschen in den am stärksten betroffenen Diözesen. Abgesehen davon versammelten sich am 8. März, dem Int. Frauentag, viele chilenische Frauen in der Hauptstadt Santiago, um für die Frauen der beiden oben genannten Regionen zu sammeln und die Wichtigkeit von Frauen für den Wiederaufbau hervorzustreichen.
Eine Erklärung der chilenischen Zivilgesellschaft, welche u.a. von 2 unserer Projektpartner/innen unterzeichnet wurde, macht aber nicht nur die Stärke des Bebens und des nachfolgenden Tsunamis, sondern auch die Verfehlungen der chilenischen Politik für die dramatischen Auswirkungen verantwortlich: „Die Dorfgemeinschaften erleiden nach diesem Desaster die gesammelten Konsequenzen von Ungleichheit und Armut, der Privatisierung der Grundversorgung, dem völligen Fehlen von sozialen Auffangmaßnahmen, der Individualisierung und der Vermarktung, der politischen Zentralisierung der Verwaltungsabläufe, des Mangels an Redlichkeit innerhalb eines völlig verantwortungslosen Unternehmertums, die viel zu niedrige Besteuerung eben dieses Sektors durch den Staat und das Fehlen von gemeinschaftlichen und alternativen Medien. Anders ausgedrückt, die Krisenanfälligkeit des aktuellen Entwicklungsmodells.“ Der Text dieser Erklärung und die Forderungen der chilenischen NGOs können unter folgendem Link auf Spanisch nachgelesen werden: http://www.radiotierra.cl/
Wir hoffen in absehbarer Zeit einen weiteren Bericht, mit mehr Details, aus dem Erdbebengebiet veröffentlichen zu können. Jedenfalls werden die Nachwehen des Erdbebens und die enormen Anstrengungen, die zur Wiedererrichtung notwendig sein werden, das Land noch geraume Zeit in Atem halten. Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe wird auch die Unterstützung aus Österreich einen kleinen aber wichtigen Beitrag für die Menschen vor Ort darstellen.
