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Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar
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"Aus der Finsternis"

Eva Wallensteiner, Asienreferentin der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, berichtet von ihrer letzten Projektreise nach Nordindien im Februar 2010. Ihr Bericht bringt die Leser/innen nach Bihar, einer der benachteiligsten Bundesstaaten Indiens.

„Wir fahren entlang an einem der heiligsten Flüsse der Welt, Ganga. Im Hinduismus ist sie auch die Göttin, die das Leben der Menschen prägt und begleitet. An einem kurzen Abschnitt begegnen uns die Steinebrecher. Männer, Frauen und Kinder zerkleinern Steine, machen Kieselsteine für den Straßenbau. In Indien wird Handarbeit noch groß geschrieben, nicht als Qualitätsstandard aber als Garantie billigster Produktionsbedingungen. Aber Ganga gibt nicht nur, sie nimmt, überschwemmt und vernichtet. Die Menschen leben mit diesen jährlichen Überschwemmungen, sie verstauen ihre Nahrungsmittel so hoch als möglich und leben in Harmonie mit der unberechenbaren Göttin. Der traditionelle Hausbau aus Bambusmatten und Lehm ermöglicht den raschen Umzug immer dann wenn das Wasser über die Ufer tritt. Wir fahren weiter über Dämme, an denen die Häuser der Flutvertriebenen kleben. Sie scheinen die kleinen Abhänge hinabzugleiten.

Arvind Adiga („Der weisse Tiger"), der berühmte indischer Journalist und Schriftsteller, bezeichnet die nordindischen Dörfer als Orte der Finsternis. Ich komme gerade aus dieser Finsternis – fahre zurück in die Hauptstadt Bihars, die gestern von Studentenprotesten erschüttert wurde. Keine feiernde Audimax-Besetzung, nein - pure Gewalt und Straßenschlachten. Die Studierenden haben gegen die ausbeuterischen und korrupten Lernzentren protestiert. Aber Patna ist noch weit weg und wir noch im Gebiet der maoistischen Untergrundkämpfer, auf dem Weg aus der Finsternis.

Die katholische Kirche ist eine der wenigen Institutionen, die tatsächlich in den Mahadalitdörfern (die untersten der Dalits – früher auch als die Unberührbaren bezeichnet) arbeiten. Viele NGOs tun dies nur am Papier, denn es gehört sehr viel Engagement und Menschenliebe dazu in die Finsternis abzutauchen. Hier ist es dunkler als anderswo, Jahrhunderte der Verachtung und Unterdrückung haben ein Umfeld geschaffen, dass kein menschenwürdiges Leben zulässt– Finsternis eben. Gewalt und Verzweiflung sind täglich spürbar auch für die Kurzzeitbesucherin.

Die katholische Jugend der Diözese Patna organisiert, unterstützt von der Dreikönigsaktion, seit Jahren die Jugend in den Dörfern. In erster Linie sind es Dalits, die nie zur Schule gegangen sind oder die Schule abgebrochen haben. Jetzt kommen sie zusammen um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihre Rechte einzufordern. Wir fahren bis zu einer nie fertiggestellten Brücke und gehen über den Lehmpfad in den außerhalb des Hauptdorfes liegende Dalitdorfteil. In der Regenzeit ist man hier komplett abgeschnitten. Der Schulschuppen ist schon länger unbrauchbar geworden. An die hundert Kinder werden hier im Freien unterrichtet. Die Jugendlichen haben mit ihrer Dorfverwaltung beschlossen der Regierung das Land für einen Schulbau zu schenken. Normalerweise bezahlt die Regierung dafür. Es gäbe zwar noch eine andere Schule, aber in dieser werden die Musaharkinder täglich verhöhnt und geschlagen. Der Ausweg aus der Finsternis ist Bildung, so sind sich die Jugendlichen einig.

Ein junger Mann, Rashosh, erzählt von seinem Tagesablauf: 4:00 aufstehen, Latrinengang am Feld, dann Waschen, Tee und Wasserreis vom Vortag. Dann geht es auf die Suche nach Holz. Männer haben oft Fahrräder für den Transport und eine Axt, Frauen tragen bis zu 40 Kg Holz am Kopf und laufen zurück ins Dorf. Würden sie langsam gehen, wäre die Last zu schwer. Die Bäume dürfen eigentlich nicht abgeholzt werden. Aber die Beamten sind bestechbar und so kann jeder in Indien überleben. Die einen besser, die anderen nicht so gut. Zu Mittag isst Rashosh „Sattu", Erbsenmehl mit Wasser. Den Proviant hat er in einem Bündel mitgetragen und am Fluss füllt er Wasser in seine Schale um das Mehl aufzuweichen und einen Brei zu machen. Der Heimweg führt ihn zuerst zum Markt. Das Holz wird am selben Tag verkauft und mit diesem Geld das Essen für die Familie eingekauft. Es ist ein täglicher Überlebenskampf. Rashosh kommt um ca. 5:00 oder 6:00 abends nach Hause. Es wird gekocht, gegessen und geschlafen. Strom gibt es in den Häusern nicht und das Lampenöl wird nicht verschwendet.

Wir sitzen heute am Dorfplatz unter einer Solarleuchte. Die Regierung ist bemüht die Finsternis zu durchbrechen. Der lokale Priester, der die jungen Leute hier zusammenbringt und begleitet, Fr. James der diözesane Jugenddirektor, Sr. Jessy, die lokale Koordinatorin der Katholischen Jugend, und ich sind von den Jugendlichen zum Essen eingeladen. Jeder hat etwas dazu beigetragen: Kartoffeln ein junger Mann, Tomaten ein Mädchen, Zwiebel von diesem Haus, die Decke auf der wir sitzen, von einem anderen Jugendlichen, das obligatorische Festhuhn und die Teller wurden von allen gemeinsam beigesteuert. Dieses Essen hat einen besonderen Geschmack und ich meine hier nicht die Unmenge an Chillis.

Zurück im Pfarrhaus, indem auch den ganzen Tag kein Strom die Glühbirnen zum Brennen brachte, denn Stromausfälle stehen auf der Tagesordnung und dauern Stunden, fragt mich Fr. James: „Ich hoffe, es war für dich in Ordnung im Dorf bei den Musahars zu essen?" Bei Unberührbaren zu essen, wo Schmutz und Krankheiten allgegenwärtig sind, braucht ein „Sich-Einlassen-Trauen". Für mich war es das beste Essen dieser Reise, den es hatte den Geschmack der bedingungslosen Gastfreundschaft. Menschen, die sich allein diese Gastfreundschaft nicht leisten könnten, haben zusammengearbeitet. Erst durch das gemeinsame Zusammenkommen und Beisteuern der Lebensmittel konnte für 7 Personen (der Koordinator aus Patna und 2 Animateure, die 2 Priester, die Schwester und ich) ein festliches Mahl gereicht werden. Ob es dann auch für alle Jugendlichen gereicht hat, ist schwer zu sagen, denn diese waren zu sehr beschäftigt sich um uns zu kümmern. Es ist auch Sitte bei den Hindus erst nach den Gästen zu essen.

Gerade in einer Region, in der die katholische Kirche absoluten Minderheitenstatus hat, steht interreligiöse Zusammenarbeit auf der Tagesordnung. Die katholische Jugend arbeitet hier mit Hindus und Muslim/innen zusammen. Es wird gemeinsam geplant und umgesetzt und natürlich auch gefeiert. Bihar ist das Land der Klöster. In Bihar hatte einst Gautama Siddhartha die Erleuchtung und wurde zum Buddha. Weiter nach Sitamarhi, zum Geburtsort der Göttin Sita, Gemahlin des Hindugottes Rama. Nicht nur die Geschichte Bihars oder die Mythen erzählen von religiöser Vielfalt, der Alltag ist geprägt davon. Während der Kampf gegen die Unterdrückung durch feudale Großgrundbesitzer endlos und unüberwindbar scheint, wird hier Religion nicht zum Spielball der Politik. So gibt es auch gute Nachrichten aus Bihar, einer Region, die meist nur als indischer Staat der Gewalt, der Unterdrückung, der Unterentwicklung, des Hungers, der Flut oder der Dürre wahrgenommen wird, zu berichten."


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