Die Studie „Wer zahlt den Preis für den Fortschritt?" wurde von unserem Projektpartner, Pr. Walter Fernandes, der das North Eastern Social Research Centre (NESRC) in Guwahati, Assam, leitet, erstellt. Die Dreikönigsaktion, Hilfswerk der Katholischen Jungschar, hat die Studie mitfinanziert. Sie erinnert an die Erzählungen unserer Projektpartner/innen von CASS, die anlässlich der Sternsingeraktion 2010 in Österreich auf Besuch waren, sowie an unsere Gäste vom Nordosten Indiens, die im August und September 2009 von ihren Erfahrungen in der Landvertreibung berichteten. Meena Debbarma, eine der Besucher/innen aus Tripura, wirkte in einem preisgekrönten Film namens "Yarwng" mit, der die Landvertreibung filmisch darstellt (weitere Informationen). Im Folgenden finden Sie Ausschnitte der Studie, die gänzlich auf Deutsch im Magazin Südasien 1/2010 erschienen ist. Aus dem Englischen wurde sie von Elena Krüskemper übersetzt.
Wer zahlt den Preis für den Fortschritt?
Die industrielle Entwicklung und ihre Opfer
„Das ist Fortschritt", sagen die Wirtschaftswissenschaftler. „Das Bruttosozialprodukt wächst und wir brauchen mehr Land für die industrielle Entwicklung." Auf der anderen Seite antwortet eine Mutter in Assam auf die Frage, warum sie ihren Sohn aus der Schule nimmt und zum Arbeiten schickt: „Was soll ich denn sonst tun?"
Dies sind die beiden Seiten der „Tempel des modernen Indien". Die eine ist die Verherrlichung der Entwicklung, die andere zeigt, dass die modernen Tempel, genau wie die Monumente der Vergangenheit, mit dem Blut und dem Schweiß von Millionen von Menschen gebaut werden. Wurden letztere von Sklaven und Häftlingen errichtet, so werden heutzutage die Bauern und andere, die vom Land, den Wäldern und den anderen natürlichen Ressourcen leben, im Namen der „Entwicklung" in die Verarmung getrieben.
Wie viele Menschen haben dieses Schicksal schon erlitten? Nicht einmal die indische Planungskommission kennt die genauen Zahlen. Studien weisen auf 50 bis 60 Millionen Flüchtlinge (Displaced Persons = DP) hin, oder solche Menschen, denen die Möglichkeit genommen wurde, ihren Lebensunterhalt zu verdienen ohne, dass sie physisch zwangsumgesiedelt wurden (Project-affected Persons = PAP).
Es überrascht kaum dass 40 Prozent der sechzig Millionen DP und PAP Stammesangehörige sind, die nur 8,08 Prozent der indischen Gesamtbevölkerung stellen. 20 Prozent sind Dalits und weitere 20 Prozent stammen aus anderen armen ländlichen Bevölkerungsgruppen wie Fischer und Steinbrucharbeiter. Die egoistische Mittelklasse, die den Gewinn der Entwicklung einfährt, schafft es, sie zu ignorieren, weil 80 Prozent von ihnen keine Stimme haben. Mit dem Einsetzen der Globalisierung hat sich die Situation verschärft. Jedem Produktionssektor wurde eingebläut, es müssen immer mehr Konsumgegenstände wie Autos und Elektrogeräte hergestellt werden, um damit den Komfort der Mittelklasse und die Profite der Investoren zu erhöhen.
Wer gewinnt, wer verliert?
Solche Initiativen [Special Economic Zones und Bauprojekte] betreffen viele Menschen und insbesondere die arme Landbevölkerung. Ungefähr 25 Prozent der indischen Stammesbevölkerung sind bereits mindestens einmal zur DP oder PAP geworden, weil ihre Ursprungsgebiete reich an natürlichen Ressourcen sind.
Eine weitere Bevölkerungsgruppe, die einen hohen Preis bezahlt, sind die Dalits. Viele von ihnen sind Landarbeiter ohne eigenes Land, die den Boden anderer bewirtschaften. Obwohl sie von diesem Land leben, zählt der Staat sie häufig nicht als DP/PAP, weil sie es gemäß den gegenwärtigen Kolonialgesetzen nicht besitzen. Genauso geht es anderen Gruppen, die von den Common Property Resources abhängig sind, wie zum Beispiel Fischer und Steinbrucharbeiter. Sie sind dem Gesetz zufolge nicht Besitzer ihrer Lebensgrundlage, sind aber trotzdem völlig mittellos, wen man sie ihrer beraubt.
Weil die Projektkosten auf Gebieten der CPR und in anderen rückständigen Landesteilen niedrig sind, besteht der Verdacht, dass diese Gebiete bewusst für solche Projekte gewählt werden. Dieser Verdacht ist nicht leicht zu erhärten; der einzige Hinweis sind Aussagen von Bewässerungsbeauftragten in Orissa und Assam. Diese sagten, dass Projekte sich finanziell kaum rechnen würden, wenn höhere Entschädigungen gezahlt und die Bewohner rehabilitiert würden. Dies alles bedeutet, dass arme Menschen schlicht und einfach nicht zählen. Sie müssen den Preis für die Entwicklung der anderen zahlen. Die Konsequenz dieser so genannten Entwicklung ist die Verarmung der DP/PAP. Und hier ist nicht die alltägliche Armut gemeint, in der viele DP/PAP lebten, bevor ihnen die Lebensgrundlage entzogen wurde. Die Armut ist gemeint, die entstand, als das Land für Projekte erworben wurde.
Es ist zu erwarten, dass sich diese Situation mit fortschreitender Liberalisierung und der damit einhergehenden Technisierung weiter verschlechtern wird. Die International Labour Organisation schätzt, dass in den ersten sechs Jahren der Liberalisierung in Indien sechs Millionen Arbeitsplätze verloren gingen. Zusätzlich gehen die meisten Arbeitsplätze an Zugewanderte, denn nur sehr wenige der Menschen, die ihr Land verlieren, besitzen die nötigen Fertigkeiten. Wenn zum Beispiel die NALCO-Bergwerke, die in den späten 1980er Jahren im Bezirk Koraput in Orissa in Betrieb genommen wurden, mit traditionellen Transportwegen gearbeitet hätten, so wären 10.000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Außerdem hätte man 50.000 derjenigen rehabilitieren können, die durch den oberen Kolab-Damm umgesiedelt wurden und 6000 Menschen, die wegen der NALCO-Anlage ihr Land verloren. Ihre Einkünfte hätten weitere Jobs im informellen Sektor generiert. Die vollautomatischen Bergwerke boten jedoch nur 300 Fach- und angelernten Arbeitern eine Stelle, die zumeist von außerhalb kamen, da die Stammesangehörigen, denen man die Lebensgrundlage genommen hatte, die nötigen Kenntnisse nicht besaßen.
Von der Verarmung zur Ausgrenzung
Die Verarmung bringt die Vertriebenen in einen Zustand der wirtschaftlichen Unsicherheit. Als nächster Schritt folgt die Ausgrenzung, die noch weitaus tiefer in soziale und kulturelle Unsicherheit führt. Unterdrückt und bedürftig werden die DP/PAP in ein Leben ohne jede Hoffnung geschleudert. Dass sie ihre Kinder aus der Schule nehmen und zur Arbeit schicken ist ein Indiz für die Hoffnungslosigkeit, in der sie leben müssen. Um in der Gegenwart zu überleben, berauben sie ihre Kinder jedweder Möglichkeit für eine bessere Zukunft.
Die Zahlen der DP/PAP nehmen durch die Auswirkungen der Globalisierung seit der Unabhängigkeit Indiens stetig zu. Es wird immer mehr Land gebraucht und die führt zu massiven Umsiedlungsnahmen. Auch wenn wenige Einzelpersonen oder Familien davon profitieren, so ist doch davon auszugehen, dass der wirtschaftliche Status der überwiegenden Mehrheit stark abnehmen wird. Die Entwicklungsparameter sind darauf ausgerichtet, den Komfort der Mittelklasse und die Profite der Investoren zu erhöhen, alles auf Kosten der Armen. Dieser Ansatz muss dringend hinterfragt werden.
Eine ungefähre Schätzung geht von 60 Millionen Flüchtlingen und durch Bauprojekte Vertriebene in Indien aus. Das sind viermal so viele Menschen, wie zur Zeit der Teilung zwischen Indien und den beiden Flügeln Pakistans ausgetauscht wurden. Der größte Teil der von Projekten Vertriebenen sind Stammesangehörige und landlose Dalits, die auf oder von Gemeinschaftseigentum leben. Und kaum 20 Prozent von ihnen wurden bislang entschädigt.
