Der Fernsehsender SAT-7 produzierte eine Dokumentationsreihe über die schwierige Situation der Christen und Christinnen im Irak.
Die Dreikönigskation, das Hilfswerk der katholischen Jungschar, unterstützte den Sender mit Sitz im Nahen Osten und Afrika bei dieser Produktion.
Seit dem Beginn des Krieges, sind die Christen des Iraks auf der Flucht. Zahlreiche Attacken der extremistischen Gruppen veranlassten mehr als die Hälfte der christlichen Bevölkerung zur Flucht aus dem Irak. Viele anderen flüchteten aus Bagdad und suchten Schutz in den kurdischen Gebieten im Norden des Landes. Hier war es, wo das SAT-7 Team einige von ihnen traf und die Geschichten derer aufnahm, die den Mut hatten sich vor die Kamera zu stellen und ihre Geschichten offen zu erzählen. Gemeinsam hörten der Reporter- ein Christ, der Kameramann – ein Shi’a und ein „Researcher“ – ein Sunni Muslim den Menschen zu und berichteten über ihre Situation. Der Sendetermin steht noch nicht fest. Mette Schmidt, eine SAT-7 Mitarbeiterin berichtet über die bewegenden Dreharbeiten.
2000 Jahre Christentum - Ein Bericht von Mette Schmidt
Der Mitarbeiter, der die Recherchen ausführte, war bewaffnet. Natürlich waren die Waffen versteckt, und man hätte sie fast vergessen können, doch sie waren trotzdem ein wenig einschüchternd für den SAT-7 Reporter Said, der obwohl er Libanese ist, nicht daran gewöhnt ist, bewaffnete Crew Mitglieder um sich zu haben. Doch dies war eben keine normale SAT -7 Produktion. Dies war der Irak und Said war endlich hier, nachdem er wochenlang versucht hatte, ein Visum zu bekommen. Jetzt bereiste er den Norden des Landes, wo er Regierungsmitglieder, Kirchenführer und Laien über die Situation der Christen im Irak interviewte.
Der recherchierende Mitarbeiter war extrem hilfreich. Er kannte jeden, organisierte Treffen, öffnete ansonsten verschlossene Türen, fand Alternativen wenn Bischöfe Interviews absagen mussten, kontaktierte das staatliche irakische Fernsehen damit SAT 7 gratis Filmmaterial erhielt und so weiter. Er verließ nie Saids Seite. „Er war ein von Gott geschicktes Wunder“, sagte die Produzentin Juliana. „Er war Saids Schutzengel!“. Der Researcher war ein Sunni Muslim.
Der Kameramann war ein Shi’a. Zusammen besuchten die drei Männer – der Christ, der Sunni und der Shi’a die Häuser und Wohnungen der Christen und hörten sich gemeinsam deren Geschichten an. Und sie weinten zusammen.
Schutz suchen
Seit dem Beginn des Krieges, waren die Christen des Iraks auf der Flucht. Zahlreiche Attacken der extremistischen Gruppen veranlassten mehr als die Hälfte der christlichen Bevölkerung zur Flucht aus dem Irak. Viele anderen flüchteten von Bagdad und suchten Schutz in den kurdischen Gebieten im Norden des Landes. Hier war es, wo das SAT-7 Team einige von ihnen traf und die Geschichten derer aufnahm, die den Mut hatten sich vor die Kamera zu stellen und ihre Geschichten offen zu erzählen. Die meisten trauten sich das aber nicht, aus Angst vor den Konsequenzen für ihre geliebten Angehörigen.
Eine Mutter beschrieb, wie ihr 14- jähriger Sohn getötet wurde: Extremisten umstellten ihr Haus für Tage und die Familie hatte Angst hinaus zu gehen. Aber eines Tages, als die Mutter schlief, schlich sich der Bub aus dem Haus, da er eine Süßigkeit kaufen wollte. Er wurde sofort erschossen.
Eine andere Mutter aus Bagdad erzählte was ihrer Teenager Tochter Viviane widerfuhr. Eines Tages kehrte sie nicht wie sonst aus der Schule zurück. Besorgt ging die Mutter zum Haus ihrer Freundin. Die Familie der Freundin erzählte ihr, dass vermummte, bewaffnete Männern aus einem schwarzen Auto die jungen Mädchen auf ihrem Heimweg von der Schule gestoppt hatten. Sie haben sich Viviane geschnappt und schickten die anderen Mädchen nach Hause. Weinend führte die Mutter fort: „Wir warteten auf einen Telefonanruf um zu wissen, warum sie entführt wurde und was die Entführer von uns wollten. Um sieben am Abend erhielten wir den Anruf und ich fragte, wie viel Geld sie wollten. Doch sie wollten kein Geld. Sie sagten: ‚ wir wollen, dass ihr leidet, denn euer Glauben ist Verrat‘ und dann hängte er der Anrufer auf. Fünf, sechs Tage vergingen. Am siebten Tag, um sechs in der Früh kamen einige junge Männer und riefen uns nach draußen. Sie kannten unsere Situation und erzählten uns, dass ein junges Mädchen ermordet wurde und auf eine Straßenkreuzung geschmissen wurde. Schnell eilten wir zu der beschriebenen Stelle. Und da sahen wir die Leiche. Sie war mit einem Leintuch zugedeckt, doch wir sahen ihren verbrannten Brustkorb. Ihr Gesicht war entstellt. Unsere Tochter wurde vergewaltigt und dann zum verbluten liegen gelassen.“
Bombadierung von Kirchen, Morde und Drohbriefe von Extremisten sind mittlerweile trauriger Begleiter der Christen im Irak. Einige der Kirchenführer und Priester mit denen Sat-7 gesprochen hat, haben solche Erfahrungen selbst gemacht und die Narben auf ihren Körpern zeugen noch davon. Andere Kirchenführer haben die Anschläge der Extremisten nicht überlebt. Die Dokumentationsreihe von SAT -7 zeigt auch eine Einspielung des Erzbischof der Chaldäischen Katholischen Kirche, Herrn Faraj Rahoo, als er vor seiner Gemeinde predigte „Vergib Ihnen Vater, denn sich wissen nicht was sie tun“. Sechs Tage später wurde er entführt und ermordet.
2000 Jahre Christentum
Aber die Geschichte der heutigen irakischen Christen ist mehr als eine Geschichte des Leidens. Sie ist Teil der langen Geschichte von 2000 Jahre Christentum im Irak. In dieser Geschichte haben die Christen riesige Verdienste um die Geschichte und die Kultur des Iraks geleistet. Im Bereich der Bildung, der Wissenschaft, der Kultur und der Politik. Es ist eine Geschichte, in der die friedliche Koexistenz mit Nicht- Christen die Norm war.
„Christenheit meint 2000 Jahre wertvolle Mitarbeit an der Zivilisation und der Kultur des Iraks. Ohne dem Christentum würde dem Irak eine der wichtigsten Charakteristiken seiner Geschichte fehlen, “ meint Emmanuel Youkhana von der Assyrischen Kirche des Ostens, der die humanitäre Hilfe für die christlichen Familien im Irak koordiniert.
Der irakische Historiker Boutros Nabati erzählt davon, wie die Christen die erste Druckpresse arabischen Typs in den Irak brachten. „Das erste Buch, das die Christen druckten war kein christliches Gebetsbuch, sondern ein Buch über die arabische Grammatik. Das zeigt wie sehr sie die arabische Sprache liebten“, sagt Nabati. Während sich viele Christen gezwungen sehen, aus dem Land zu flüchten, das sie so lieben, fühlen andere, dass sie trotz der Gefahren bleiben müssen.
„Wir sind Iraker und wir bleiben Iraker“, sagt ein Kirchenbesucher. „Christen die über die Emigration nachdenken, sollten sich nicht nur die ungewisse Zukunft in einem andern Land vor Auge halten, sondern auch unsere lange Geschichte in diesem Land bedenken.“ Ein junges Mädchen aus derselben Kirche fügt hinzu. „ Ich trage mein Kreuz und mache weiter. Ich habe keine Angst, Dank meines starken Glaubens in Gott. Wenn Gott an unserer Seite ist, dann kann uns niemand besiegen.“
Dies ist eine moderne Geschichte von Glaube, Hoffnung und Vergebung. Und auch eine Geschichte von Einheit, geteilter Humanität und Solidarität über die religiösen Grenzen hinweg. Eine geteilte Humanität, die einen Christen, einen Sunni und einen Shi’a dazu bringt, gemeinsam zu weinen, wenn sie das Leid anderer Menschen sehen und hören. Jeder von ihnen bedauert die Terror- und Gewaltakte die sie verletzen und so viel Unheil anrichten.
SAT-7 – Eine Ermutigung für die Christen des Iraks.
SAT-7 lief auf jedem Fernsehbildschirm in jedem Haushalt, den das Team besuchte. Viele beteuerten, dass dieser Sender für sie eine Rettungsleine ist, der ihnen Hoffnung und Ermutigung schenkt.
„Ich war überwältigt“, sagt Said, als ich SAT-7 auf jedem Bildschirm bei allen Familien sah. Sogar als ich das Haus des Deputy Governor der Kurdischen Provinz von Dahok, Gurgis Shlaymun, betrat, lief bei ihm gerade SAT-7. Der Governor, ein assyrischer Christ meinte dazu: „ Jeder schaut SAT-7. Vor allem in Kurdistan.“