Von den „Weisen aus dem Morgenlande“ zu den „Heiligen Königen“
Aus der Geschichte des Abendlandes sind die „Drei Weisen aus dem Morgenlande“ nicht mehr wegzudenken. Die wunderschöne biblische Geschichte von den Königen, die dem Kind in der Krippe huldigen und Geschenke bringen, fasziniert die Menschen seit mehr als zwei Jahrtausenden. Heute verbindet die Sternsingeraktion der Katholischen Jungschar traditionelles Brauchtum mit solidarischem Engagement für Menschen in den Entwicklungsländern.
Drei Weise aus dem Morgenland
Die Bibel spricht von „Magiern aus dem Morgenland“, auch die Übersetzung: „Sterndeuter aus dem Osten“ ist gebräuchlich. Diese waren wahrscheinlich frühe Wissenschaftler am Hof in Mesopotamien. Ihren astronomischen Berechnungen nach erwarteten sie ein Heilsereignis mit Bedeutung für alle Völker der Erde. Daher folgten sie dem Stern bis zu dem Stall, in dem Jesus geboren wurde.
Es gibt keine Auskunft über ihre Herkunft und Anzahl. In den ersten frühchristlichen Kunstwerken, welche die Erzählung aufnahmen, wurden zwischen zwei und zwölf Personen dargestellt. Papst Leo der Große meinte, dass es dem gesunden Menschenverstand entspräche, dass drei Gaben auf drei Überbringer hinweisen würden. Von nun an blieb man bei der Zahl „Drei“. Erst ab dem 10. Jahrhundert werden die Magier auf Bildern als Könige mit Kronen auf den Häuptern dargestellt.
Der Stern
Im Alten Orient galten Sterne als mächtige Wesen, die auf das Leben der Menschen entscheidend einwirkten. Heutzutage interpretieren Astrologen den Stern von Bethlehem als eine Tripel-Konjunktion, ein dreimaliges Zusammentreffen der Planeten Saturn und Jupiter im Sternbild der Fische. In der jüdischen Kultur gilt der Saturn als Stern der Juden und Jupiter als Glücksbringer. Für die Sterndeuter könnte es ein Zeichen dafür gewesen sein, dass sich Großes ereignet, der Messias geboren wurde. Übrigens: Die Sternenkonstellation, die den Weisen den Weg wies, soll im Jahr 2238 wieder stattfinden.
Gold, Weihrauch und Myrrhe
Im Matthäusevangelium finden wir Angaben über die Geschenke der Magier, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Dies waren zur damaligen Zeit Geschenke für einen König. Die Gaben der Heiligen Drei zählten nämlich damals zu den kostbarsten Handelsgütern. Weihrauch und Myrrhe sind wohlriechende Harze, die ausschließlich in den Bergregionen Südarabiens, Somalias und Abessiniens gewonnen wurden (und Grundlage für den sagenhaften Reichtum der dort lebenden Minäer und Sabäer waren). Weihrauch und Myrrhe wurden seit dem fünften Jahrtausend im Orient bei kultischen Handlungen verwendet, der aufsteigende Rauch symbolisierte die Gebete zu den Göttern.
Über die Bedeutung dieser Gaben gibt es zahlreiche Angaben. Aus der „Legenda aurea“ von Jakobus a Voragine (die beliebtesten mittelalterliche Sammlung von Heiligenlegenden) sind einige Hinweise über die Bedeutung der königlichen Geschenke herauszulesen: St. Bernhard spricht darin, dass die Könige Gold opferten wegen der Armut Marias, Weihrauch, um den bösen Geruch des Stalles zu vertreiben, und Myrrhe, um die Glieder des Kindes zu stärken und gegen die bösen Würmer. Oder: Gold als Zins, weil Christus der oberste König ist, Weihrauch als Opfer, weil er Gott ist, und Myrrhe für ein Begräbnis, da er sterblicher Mensch ist.
Es ranken sich auch zahlreiche Legenden um die drei Gaben der edlen Besucher. Man erzählt z.B., dass „seit Adams Zeiten Gold, Weihrauch und Myrrhe in einer Schatzhöhle verborgen gewesen wären“. Einer syrischen Überlieferung zufolge hätten die Könige in Bethlehem aus Mariens Händen die Windeln Jesu empfangen, die später schneeweiß aus den Flammen des Feuers hervorgegangen wären. Auch wollte man wissen, dass die Magier nicht von einem Stern, sondern von Engeln an die heilige Stätte geführt worden wären. Als Sternenkundige waren die drei Weisen eng mit der Welt der Überirdischen verbunden. Sterne galten als mächtige Wesen, die auf die Geschicke der Menschen einwirkten.
Caspar, Melchior und Balthasar
Caspar („Schatzmeister“), Melchior („Mein König ist Licht“) und Balthasar (Schütze sein Leben“) wurden erst im 5.Jhdt. durch die Überlieferung zu den „Heiligen Drei Königen“. Jeder von ihnen stand für einen der damals bekannten Erdteile (Afrika, Asien und Europa) bzw. für das Jünglings-, Mannes- und Greisenalter. Das sogenannte armenische Kindheitsevangelium spricht hingegen von drei Brüdern, den Königen von Indien, Persien und Arabien. Johannes von Hildesheimer lieferte aus verschiedenen Traditionen eine Zusammenfassung - ein richtiggehendes Volksbuch - über die Lebensschicksale und den Tod der Heiligen und über die Übertragung ihrer Gebeine. In diesem Werk stammt Melchior aus Nubien, Balthasar aus dem Königreich Saba und Kaspar aus Tharsis.
Die Wintersonnwende
Zwischen Wintersonnwende und neuem Jahr (die Raunächte) galten in der vorchristlichen Zeit die Dämonen und bösen Mächte als entfesselt. Die finstere Zeit der Wintersonnenwende wurde als bedrohlich und lebensfeindlich erfahren. Der Sehnsucht nach Licht, Wärme und Lebenskraft wurde in vielfältigen Bräuchen und Ritualen Ausdruck verliehen. Eine Reihe von Bräuchen, sollte Unheil abwenden und das Glück für das kommende Jahr sichern. Z.B. wurden in den Raunächten die Häuser und Ställe geräuchert, um Mensch und Tier vor dem Einfluss böser Geister zu schützen.
Das Neujahrsansingen gilt als eine der Wurzeln des christlichen Dreikönigssingens. Die Drei Heiligen Könige sollten auch die bösen Geister bannen und für das ganze Jahr Segen bringen. Früher galt der Dreikönigssegen als Schutz gegen „Zauberey“, geweihtes Dreikönigswasser wurde gegen Krankheiten verabreicht und auf die Felder gesprengt. Seit alters her heißt es, dass jene Felder, über welche die Sternsinger gehen, doppelte Ernte tragen.
Der Segen
20 C+M+B 12 schreiben die Sternsinger/innen mit geweihter Kreide an die Tür (mit einem weiteren Kreuz über dem Buchstaben M).Es bedeutet „Christus mansionem benedicat“, übersetzt „Christus segnet dieses Haus. Die drei Kreuze stehen für die Dreifaltigkeit.
Die Bedeutung der Buchstaben C, M und B wird offiziell spätestens seit den 1950er Jahren als Abkürzung der lateinischen Worte „Christus mansionem benedicat“ gedeutet. Diese früher als Bannmittel, heute als Segensbitte geltende Formel soll den Segen Gottes auf das Haus und seine Bewohner/innen herabrufen und sie vor Unglück schützen. In älteren volkskundlichen Abhandlungen herrscht die Deutung der Buchstaben als Initialen der drei Könige vor. Dies wird auch dadurch erhärtet, dass in manchen Regionen die Schreibweise K+M+B üblich war und ist: Bei Verwendung dieser Schreibweise wird das „K“ heute aber als Abkürzung für das griechische Wort für „Herr“ (Kyrios) interpretiert („Kyrios mansionem benedicat“).
Heiligenverehrung im Mittelalter
Die Heiligen Drei Könige hatten in der Volksfrömmigkeit eine herausragende Bedeutung (auch wenn sie niemals offiziell heilig gesprochen wurden). Sie wurden als mächtige Patrone bei Krankheit, Feuer oder Diebstahl angerufen. Ihrer langen beschwerlichen Reise wegen wurden sie auch als Schutzpatrone der Reisenden verehrt.
Diese intensive Verehrung steht in engem Zusammenhang mit dem Auftauchen der angeblichen Reliquien der Magier. Im Mittelalter entwickelte sich ja ein reger Reliquienkult. Menschen pilgerten zu den Wirkungsstätten und Gräbern verehrter Heiliger. Im Bannkreis der Heiligen wollten sie Kraft und Hoffnung für das eigene Leben schöpfen. Die mutmaßlichen Gebeine der Magier wurden von der römischen Kaiserin-Mutter Helena (255-330)gefunden. Im 6. Jahrhundert wurden sie von Byzanz (dem heutigen Istanbul) nach Mailand gebracht, das zu einem bedeutenden Wallfahrtsort wurde. Mailand wurde von Friedrich I. Barbarossa zerstört, die Gebeine 1164 nach Köln gebracht, wo sie im größten und kostbarsten Schrein des Mittelalters (von Nicolas von Verdun) ihre letzte Ruhestätte fanden. Damit begann auch ein reges Wallfahrtsleben. Im Wappen der Stadt finden sich seither drei Kronen. Die Namen der Gasthöfe rund um den Dom zeugen noch von dieser Zeit: „Gasthof zum Mohren“, „Goldener Stern“, „Gasthof zur Krone“. Von Köln aus verbreiteten sich Kult und Verehrung der Heiligen Drei Könige im ganzen Abendland.
Von szenischer Darstellung zum Singen auf der Gasse
Dreikönigsspiele fanden schon um die erste Jahrtausendwende in den Kathedralen statt. Im Mittelalter war es üblich, den Gottesdienst mit dramatischen Szenen zu beleben, um den Menschen die Heilsgeschichte plastisch vor Augen zu führen. Nach dem Vorbild der bereits etablierten Osterspiele entwickelten sich auch Weihnachtsspiele, hierzu zählten auch Dreikönigsspiele. Gesang begleitete die Prozession der Heiligen Könige zum Altar, der die Krippe symbolisierte.
Das Sternsingen als eigenständiger Brauch war ab dem 16.Jhdt. den Schülern, Studenten und Handwerksburschen vorbehalten. Da sie meist materielle Not litten, erhielten sie von den Stadtvätern und Landesherren Sonderprivilegien. Dazu zählte das Singen auf der Gasse an Sonn- und Feiertagen und zu gegebenem Anlass. Der Dreikönigstag war ein solcher Anlass. Wahrscheinlich wurde das schon früher übliche Neujahrs-Ansingen umfunktioniert. Drei als Könige verkleidete Schüler, meist in Begleitung ihres Lehrers, zogen durch die Gassen und baten um eine Gabe. Die wichtigste Requisite, der Stern, durfte nie fehlen.
Es gibt noch alte Notizen, Belege und Regungen, die auf die Sternsingerei hinweisen. 1552 erlaubte die Stadt Eggenburg/Niederösterreich „dem Schulmeister und seinen Assistenten, mit dem Stern zu gehen, doch müsse er selbst mitsingen und verhüten, dass Unfug, Rumor oder andere Unzucht vorkomme; er solle auch zeitlich zur Bierglockenzeit aufhören.“
Doch schon bald waren es nicht nur Schüler, die diesen Brauch pflegten. In den Dörfern und Märkten waren es vor allem die Handwerker, die Sternsingen gingen. Aus Bergen/Norwegen wird berichtet, dass es zu einem Konflikt zwischen Domschülern und Handwerkern kam, weil beide Gruppen als Sternsinger herumzogen. Auch wird von fahrenden Sternsingergruppen berichtet, die weite Strecken zurücklegten. Das Sternsingen erfasste in kürzester Zeit den halben Kontinent. Aus verschiedensten Dokumenten geht hervor, dass das Sternsingen im deutschsprachigen Osten, in Skandinavien, England und Frankreich nachzuweisen ist.
Sternsingen überdauert die Jahrhunderte
Der Brauch des Sternsingens wurde oft in Misskredit gebracht, verboten oder nur mit Sondergenehmigungen gestattet. Dem an Macht zunehmenden rationalistischen Denken und der Aufklärung waren es vorbehalten, rigoros in traditionelles Brauchtum einzugreifen, sie gewaltsam zu unterbinden oder zu verändern. Die Aufklärung schnitt so den Faden so mancher brauchtümlicher Überlieferung ab. Es gelang kleinen Umzugsbräuchen deshalb eher, den scharfen Geist rationaler Nüchternheit zu überdauern. So überlebte das Sternsingen. Auch die Wirrnisse zweier Weltkriege und die soziokulturellen und politischen Umwälzungen unseres Jahrhunderts konnten an der Lebendigkeit des Brauches nichts ändern.
Lebendiges Brauchtum der Gegenwart
Begonnen hat das Engagement der Jungschar im Winter 1954/55. Der Geschäftsführer der MIVA fragte bei der Jungschar an, ob sie nicht für Verkehrsmittel für Missionare sammeln könnte. Ein Auszug aus dem Brief: „Wäre es nicht möglich, dass einige Jungschargruppen Sternsingen gehen und das gesammelte Geld der Mission zur Verfügung stellten? Wir haben über 100 Ansuchen von Missionaren für Fahrzeuge, wenn es für ein Motorrad reicht, bin ich zufrieden.“
Auf diese Bitte der MIVA hin gehen Jungschargruppen in 269 Pfarren Sternsingen. Das Ziel der ersten Aktion war bescheiden: Mit dem Spendengeld sollte ein Motorrad für P. Michael Ortner, einem Missionar in Uganda, finanziert werden. Begeisterung und Resonanz in der Bevölkerung übertrafen alle Erwartungen: Die Wunden des Krieges waren in unserem Land noch nicht zur Gänze verheilt. Trotzdem war die Hilfsbereitschaft der Österreicher/innen gewaltig: 42.381,72 Schilling (3.080,- Euro) wurden ersungen. Der Startschuss war geglückt - die Jungschar hat einen alten Brauch mit neuem Sinn erfüllt: die befreiende Botschaft des Evangeliums für Menschen in Not spürbar und erfahrbar zu machen.
Aus den bescheidenen Anfängen ist eine starke Aktion geworden: Mit dem in 98% der Pfarren gesammelten Geld setzen die 85.000 Sternsinger/innen ein starkes Zeichen gegen Armut und Unrecht. Rund 500 Hilfsprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika werden jährlich unterstützt und führen zu positiven Veränderungen für eine Million Menschen. Im letzten Jahr hat die österreichische Bevölkerung 14,8 Millionen € gespendet. Seit den Anfängen im Jahr 1954 wurden insgesamt mehr als 310 Mio. € für notleidende Mitmenschen ersungen. Damit ist die Sternsingeraktion die größte Sammlung für Entwicklungsländer und das viertgrößte österreichische Hilfswerk.
