Die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar unterstützt seit vielen Jahren die brasilianische Landpastoralkommission (CPT). In den letzten 15 Jahren konnten mit Hilfe der CPT in den halbtrockenen Regionen im Nordosten Brasiliens 1500 Familien über die Agrarreform angesiedelt werden, die heute eine Lebensgrundlage haben. Thomas Bauer, Koordinator der CPT für den Bundesstaat Bahia, war zu Gast in Wien und hat gemeinsam mit Vertreter/innen der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar den Besetzer/innen auf den ehemaligen BOKU Versuchsflächen einen Besuch abgestattet.
Ein Bericht von Anna Maria Hirtenfelder
Eine Landbesetzung im Norden Wiens? Unser Besucher Thomas Bauer von der CPT Bahia war Feuer und Flamme als er von der Aktion in Jedlersdorf erfahren hat. Menschen, die sich in seiner ehemaligen Heimat für solidarisch genutztes Land und für den gemeinsamen Anbau von ökologischen Nahrungsmitteln stark machen, interessieren den Entwicklungsexperten. Thomas Bauer ist seit 13 Jahren bei der Partnerorganisation der Dreikönigsaktion in Brasilien tätig. Im trockenen Hinterland Bahias wird er täglich mit extremer Armut und sozialen Missständen konfrontiert, obwohl es im semiariden Gebiet gute Grundvoraussetzungen für ein gutes Leben für alle gebe. Nicht natürliche Gegebenheiten sind die Ursache der Armut, sondern Besitzverhältnisse und Interessen der Weltwirtschaft.
Sigrid Kickingereder, die neugewählte Vorsitzende der Katholischen Jungschar, Angela Kemper, unsere Brasilienreferentin und ich begleiten Thomas bei seinem Besuch. Wir überqueren ein ruhiges, grünes Grundstück, passieren ein Gewächshaus, bis wir schließlich zu einer Menschenansammlung kommen, die die Kerngruppe der Landbesetzer/innen von Jedlersdorf auf dem Grundstück der Gerasdorfer Straße 105 darstellt.
Seit 17.04.2012 wird das Grundstück, das früher von der Universität für Bodenkultur (BOKU) gepachtet wurde, besetzt. Grund für die Besetzung ist die Rückgabe des Grundstückes von der BOKU an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). Letztere will das wertvolle Stück Erde, das bisher für landwirtschaftliche Zwecke und Versuchsprojekte von Studierenden und Forschenden verwendet wurde nun verbauen.
Wir werden überrascht empfangen, es herrscht ein lockeres Kommen und Gehen und die Tatsache, dass wir von einem Aktivisten aus Brasilien begleitet werden, der viel über Landbesetzung erzählen kann, wird voller Neugierde begrüßt. Thomas Bauer und die Landbesetzer/innen setzen sich in ein ehemaliges Gewächshaus, das nun als Organisationszentrale, Schlaf- und Plenarraum genutzt wird und diskutieren sofort über Inhaltliches. Eine Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden beginnt. Auch über strategisches Vorgehen wird nachgedacht. Die Solidarität ihres brasilianischen Besuchers bereitet Freude.
Schnell wird klar, dass die Nahrungsmittelproduktion im weit entfernt-gelegenen Brasilien und das Bestreben nach nachhaltiger, solidarischer Landwirtschaft auf dem Grundstück viele Zusammenhänge aufweisen: „In Brasilien kann nicht mehr unterschieden werden welche Nahrungsmittel genmanipuliert sind und welche nicht. Der Wind verweht die Polen und genmanipuliertes und natürliches haben sich so vor langer Zeit vermischt. De facto bedeutet dies, dass österreichische Konsument/innen, die Lebensmittel aus Brasilien beziehen, auch genmanipulierte Nahrung zu sich nehmen, obwohl Österreich so stolz darauf ist, keine genmanipulierten Lebensmittel zuzulassen, “ erzählt der Gast aus Brasilien.
Interessant ist auch die Solidarisierung mit der Nachbarschaft. Am Ende unseres Besuchs begegnen wir Irmgard, einer 86 jährigen Aktivistin, die seit dem 17.04. jeden Tag auf das Grundstück kommt und ihren jüngeren Kolleg/innen mit politischem und gärtnerischem Rat und Tat zur Seite steht. Die Nachbar/innen haben lieber Besetzer/innen als Bagger und Kräne vor der Haustür.
Am Weg zurück ins Büro fasst Sigrid Kickingereder ihre Eindrücke zusammen: „Auch wenn die Lebenswelten der Landlosen in Brasilien und der Aktivist/innen in Jedlersdorf unterschiedlicher nicht sein können, die Aktionen im Norden und Süden einen die Sorge um die Verbreitung genmanipulierter Nahrungsmittel und die immer weitere Brachlegung von landwirtschaftlichen Flächen. Dagegen müssen wir in Brasilien und in Europa gemeinsam ankämpfen.“

„Auch wenn die Lebenswelten der Landlosen in Brasilien und der Aktivist/innen in Jedlersdorf unterschiedlicher nicht sein können - die Aktionen im Norden und Süden einen die Sorge um die Verbreitung genmanipulierter Nahrungsmittel und die immer weitere Brachlegung von landwirtschaftlichen Flächen. Dagegen müssen wir in Brasilien und in Europa gemeinsam ankämpfen.“
Sigrid Kickingereder, Vorsitzende der Katholischen Jungschar