Kinderalltag in Estelí

Zwischen Zigarrenfabriken und bunten Wandmalereien


Ein Blick in Leben und Alltag von Belkis (15) und Dayana (18) in Estelí, Nicargua. Wie die beiden müssen viele Kinder und Jugendliche in Nicaragua helfen, zm Familieneinkommen beizutragen, zum Beispiel als Haushaltshilfen, als Straßenverkäufer/innen oder in Tabakfabriken. Bei FUNARTE finden sie eine Anlaufstelle, erhalten Betreuung und Zuwendung.

Estelí, Nicaragua. Im Stadtviertel El Rosario bahnt sich die 15-jährige Belkis ihren Weg durch die Straßen des Viertels, in denen um sechs Uhr morgens bereits geschäftiges Treiben herrscht. Wo sich vor dreißig Jahren noch üppige Weiden erstreckten, bahnen sich nun rostige Motorräder ihren Weg durch die vollgestopften Straßen, für Busse ist kaum ein Durchkommen. Bereits die halbe Stadt ist auf den Beinen – die Mehrheit Tabakarbeiter/innen auf dem Weg in die Fabriken, aber auch viele Kinder in Schuluniformen.

Belkis ist schon seit dem frühen Morgengrauen wach, hat aufgeräumt, geputzt und Frühstück für ihre jüngere Schwester vorbereitet, da ihre Eltern bereits vor ihr das Haus verlassen mussten. Zum Glück ist es nicht weit bis zum Haus ihrer Patentante. Hier hilft sie jeden Morgen vor der Schule im Haushalt. Sie kehrt und wischt die Böden, spült das Geschirr, das vom Abendessen stehen geblieben ist und putzt die Küche. Wenn alles gut läuft, ist sie nach zwei Stunden fertig, manchmal braucht sie aber auch länger. Dann muss sie sich beeilen, um es noch rechtzeitig in die Schule zu schaffen.

Für ihre Arbeit bekommt sie 300 Cordobas, rund neun Euro, pro Woche. Geld, das für ihre Familie überlebenswichtig ist. Denn obwohl beide Eltern arbeiten - ihre Mutter als Arbeiterin, ihr Vater als Chauffeur in einer Tabakfabrik und als  Tagelöhner bei einem Großbauern – reicht das Geld kaum zum Überleben. Am Wochenende wäscht Belkis‘ Mutter die Wäsche von Verwandten, um ein paar Cordobas dazuzuverdienen.

Wie Belkis müssen viele Kinder und Jugendliche in Nicaragua mithelfen, zum Familieneinkommen beizutragen – sie arbeiten zum Beispiel als Haushaltshilfen, Straßenverkäufer/innen, in Tabakfabriken oder auf Plantagen. Lange Arbeitszeiten der Eltern führen außerdem dazu, dass Kinder tagsüber sich selbst überlassen sind und früh Verantwortung übernehmen müssen - für den Haushalt, aber auch für ihre jüngeren Geschwister. Vor allem Kinder, die in fremden Haushalten oder auf der Straße arbeiten, sind zudem etwa von Ausbeutung oder Missbrauch gefährdet. In den Fabriken sind sie oft auch Verschmutzung und Giftstoffen ausgesetzt. Dazu kommen die oft schlechte Bezahlung und fehlende soziale Absicherung. 

Belkis

Belkis, 15, arbeitet als Haushaltshilfe. (Foto: FUNARTE)

Zwei Mädchen sitzen am Boden und malen.

Bei FUNARTE erhält Belkis Zuspruch und Betreuung (Foto: Daniel Ongarettto-Furxer)

Junge Straßenverkäuferin trägt einen Korb mit Wasserflaschen auf der Schulter.

Viele Kinder und Jugendliche in Nicaragua arbeiten, z.B. als Straßenverkäufer/innen. (Foto: Barbara Wandl, kfb).

Zwei Frauen stellen in einer Fabrik Zigarren her.

Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind hart. (Foto: Klaus Zeugner)

Gruppe von Kindern und Jugendlichen posiert vor einem bunten Wandgemälde.

Gemeinsam gestalten Kinder und Jugendliche Wandgemälde. (Foto: Klaus Zeugner)

Dayana träumt davon, Krankenschwester zu werden. (Foto: FUNARTE)

Alleinerziehende Mütter haben es besonders schwer. Dayana, deren Mutter seit Dayanas fünftem Lebensjahr getrennt lebt, berichtet. „Meine Mutter musste allein für mich und meine vier Geschwister sorgen und schuftete in mehreren Jobs gleichzeitig, auch am Wochenende und spätabends.“ Bereits mit sieben Jahren begann Dayana deshalb, ihre Mutter zu unterstützen, indem sie zusammen mit einer Cousine Mais-Snacks auf der Straße verkaufte. „Mein Wunsch war, dass meine Mutter mehr Zeit mit uns verbringen konnte und vielleicht nur noch zwei, oder einen einzigen Job machen musste, denn die gemeinsame Zeit ist so kostbar.“

Heute, mit 18 Jahren, arbeitet Dayana in einer der Tabakfabriken der Stadt, wo sie am Tag hunderte Tabakblätter zu Zigarren rollt. Die fermentierten Tabakblätter färben ihre Hände in ein dunkles Braun. Wie die meisten Arbeiterinnen hier wird sie nach Leistung bezahlt. Jeden Tag muss ein gewisses Pensum erreicht werden, sonst laufen die Arbeiter/innen Gefahr, entlassen zu werden. Die Zigarren, die in Estelí hergestellt werden, gehören angeblich zu den besten der Welt. Die so genannten „Puros“ werden bis in die USA und Europa verkauft.

Esteli ist in den letzten Jahren stark gewachsen, etwa 120.000 Menschen leben in der Stadt. Viele Menschen ziehen vom Land hierher, in der Hoffnung, der Armut zu entfliehen. Doch ihre Erwartungen auf ein besseres Leben werden nur allzu oft enttäuscht.  Sie landen in Armenvierteln und müssen sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten. Das Leben in der Stadt ist ungewohnt, neu – und gefährlich. Jugendbanden machen die Straßen unsicher.

Die Aussichtslosigkeit in der Region veranlasst viele Menschen dazu, ins Ausland zu gehen und dort Arbeit zu suchen, etwa im Nachbarland Costa Rica oder den USA. Ganze Familien werden so auseinandergerissen. Während ein oder beide Elternteile im Ausland arbeiten, bleiben die Kinder zu Hause auf sich allein gestellt.

Den Kindern und Jugendlichen bleibt daher meist nur wenig Zeit zum Lernen und für den Schulbesuch. Viele hinken deshalb im Schulstoff hinterher, gehen nur wenige Jahre in die Schule oder brechen diese irgendwann komplett ab. Etwa 80 Prozent aller Kinder schließen die Grundschule ab. In der Sekundarstufe ist die Abschlussrate noch geringer. Ein Teufelskreis, denn ohne Abschluss ist es schwer, eine Ausbildung und später eine gute Arbeit zu finden. An den Schulen gibt es kaum pädagogische Unterstützung. Den Kindern fehlen Betreuung und Kontakt zu Erwachsenen.

Auch Freizeit kennen sie kaum - es gibt nur wenige Räume, wo sie ohne Angst spielen, sich erholen können, sie Betreuung und Zuwendung erhalten. Funarte, ein Projekt, das mit Spenden aus der Sternsingeraktion unterstützt wird, ist ein solcher Ort, der den ärmsten und verwundbarsten Kindern in Estelí eine Anlaufstelle bietet.

Vor vier Jahren hat Belkis‘ Vater von diesem besonderen Projekt gehört. Seither nimmt Belkis regelmäßig an den Workshops teil, in denen sie gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen künstlerisch aktiv wird. Doch es geht um weit mehr als Kunst – im Projekt erfährt sie Unterstützung und Zuspruch. Die Betreuer/innen haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Kinder. Diese können so in geschütztem Rahmen zum Beispiel über ihre Ängste oder Gewalterfahrungen sprechen. Fällt ihnen das schwer, können sie sich auch über das Malen ausdrücken.

Gemeinsam gestalten die Kinder und Jugendlichen bunte Wandgemälde auf öffentlichen Plätzen. Diese sind in der ganzen Stadt sichtbar. So können sie auf Themen aufmerksam machen, die sie bewegen. Davon profitiert letztendlich die ganze Stadt, denn aufgegriffen werden Themen wie Umweltschutz oder Gewalt.

Belkis hat während ihrer Zeit bei Funarte viel an Selbstbewusstsein gewonnen und ist nun motiviert, weiter zu lernen, um sich ihren Berufswunsch zu erfüllen - sie will später Lehrerin werden. Funarte hat sie aber auch ermutigt, sich für andere einzusetzen: „Mit einer Freundin von Funarte habe ich gebrauchte Spielsachen für einen Kindergarten in der Nähe gesammelt. Aus alten Reifen, die mein Papa sonst verbrannt hätte, haben wir bunt bemalte Spielgeräte und Sitzgelegenheiten für die Kinder gebastelt.“

Auch Dayana, die bereits seit ihrem sechsten Lebensjahr, also seit fast zwölf Jahren, bei Funarte ist, hat neue Zuversicht gewonnen. Am wichtigsten ist für sie aber die besondere Zuwendung und Anerkennung, die sie durch die Betreuerinnen und Betreuer erfährt. Mit der Zeit hat sich dadurch ihre ganze Einstellung gewandelt. Sie hat neue Hoffnung gewonnen, dass die Zukunft Positives für sie bereithält. „Ich habe auch gelernt, dass ich Rechte habe und diese verteidigen kann. Ich werde nie aufhören, zu lernen und arbeiten und träume nun davon, Krankenschwester zu werden.“

Die Partnerorganisation vor Ort

FUNARTE (Fundación de Apoyo al Arte Creador Infantil) kümmert sich seit 1989 um die Kinder von Estelí mit dem Ziel, das Selbstwertgefühl, die Kreativität und die Teamfähigkeit zu steigern. Die Stiftung arbeitet dabei auch eng mit den Ministerien zusammen und macht wichtige Lobbyarbeit zur Achtung der Rechte von Minderjährigen in der nicaraguanischen Gesellschaft.