Gemeinsam Zukunft gestalten

Vicaria Sur: Hintergründe und Detailinfos

Im Gespräch mit Vicaría del Sur - Langfassung

„Kinder lernen: Mein Körper ist wertvoll – und auch der Regenwald“

Im Süden von Caquetá, im kolumbianischen Amazonasgebiet, begleitet Vicaría del Sur Kinder, Jugendliche und kleinbäuerliche Familien. Es geht um gesunde Nahrung, sauberes Wasser, Schutz vor Gewalt und den Regenwald. Im Interview erzählt das Team, warum ein Garten, ein Samenkorn oder ein geschützter Treffpunkt für Kinder viel mehr sein können als nur ein Projektangebot.

Wie leben die Familien im Süden von Caquetá?
Viele Familien leben von dem, was ihre kleinen Höfe hergeben. Sie halten Rinder, verkaufen Milch oder Käse und bauen Kochbananen, Maniok, Mais, Kakao, Ananas, Gemüse oder Zuckerrohr für Panela an. Aber das Leben ist hart. Die Wege sind schlecht, der Transport ist teuer, und oft bekommen die Bäuer*innen nur niedrige Preise für ihre Produkte.

Wenn es stark regnet, können manche Straßen kaum befahren werden. Dann wird es noch schwieriger, Milch, Käse oder Gemüse zu verkaufen. Dazu kommen lange Trockenzeiten, unsichere Ernten und zu wenig Geld für Saatgut, Werkzeuge oder eine bessere Bewässerung.

Was bedeutet das für den Alltag der Menschen?
Viele Häuser sind sehr einfach gebaut: aus Holz oder einfachen Materialien, mit Zinkdächern und Böden aus Erde oder Zement. Das feuchte Klima setzt den Häusern stark zu. Weil das Geld knapp ist, können viele Familien nur das Notwendigste ausbessern.

Auch Wasser ist ein großes Thema. Auf dem Land holen viele Familien ihr Wasser direkt aus Bächen, Quellen oder Flüssen. Dieses Wasser ist nicht gereinigt. Gleichzeitig wird Abwasser oft nicht ausreichend behandelt. Das verschmutzt die Flüsse weiter und gefährdet die Gesundheit der Menschen.

Wie ist die Ernährungssituation der Familien?
Viele Familien essen zu wenig Eiweiß, Gemüse und Obst. Oft kommen vor allem günstige Lebensmittel auf den Tisch, die zwar satt machen, aber nicht genug Nährstoffe liefern. Wenn das Einkommen niedrig ist, wird zuerst dort gespart, wo es besonders weh tut: bei gesunder Nahrung.

Dazu kommt, dass auf manchen Höfen weniger Lebensmittel angebaut werden als früher. Saatgut geht verloren, Böden werden schlechter, und manche Familien weichen auf andere Einkommensquellen aus, weil sie hoffen, damit rascher Geld zu verdienen. Für Kinder ist das besonders problematisch: Sie brauchen gute Nahrung, damit sie gesund wachsen, lernen und sich gut entwickeln können.

Welche Rolle spielt der Regenwald dabei?
Der Regenwald ist Lebensgrundlage. Er schenkt Wasser, Nahrung, Schatten, fruchtbare Böden, Tiere, Pflanzen und Samen. Aber er steht stark unter Druck. Wald wird für Weideflächen gerodet. Flüsse werden durch Schadstoffe verschmutzt. Der Goldabbau und andere Eingriffe zerstören Wasserquellen und Lebensräume.

Wenn Wald verloren geht, verändert sich auch das Klima vor Ort. Regenzeiten und Trockenzeiten werden unberechenbarer. Pflanzen wachsen schlechter, Tiere verschwinden, und Familien verlieren einen Teil ihrer Ernährung und ihrer Sicherheit.

Wie wirkt sich die Gewalt in der Region aus?
Viele Familien leben mit Angst. In der Region sind bewaffnete und kriminelle Gruppen aktiv. Sie versuchen, Wege, Handel und wirtschaftliche Aktivitäten zu kontrollieren. Für die Bevölkerung bedeutet das Unsicherheit, Misstrauen und die Sorge, dass junge Menschen in gefährliche Situationen hineingezogen werden.

Besonders für Kinder und Jugendliche ist das belastend. Manche Familien verlassen ihre Höfe, weil sie ihre Kinder schützen wollen. Andere bleiben, aber leben mit der ständigen Frage: Ist der Weg sicher? Können die Kinder unbeschwert zur Schule gehen? Welche Zukunft haben Jugendliche hier?

Was bedeutet all das konkret für Kinder und Jugendliche?
Wenn Eltern kein ausreichendes Einkommen haben, leiden Kinder zuerst. Manche Familien ziehen auf der Suche nach Arbeit weg. Dann wird der Schulbesuch unterbrochen, und nicht alle Kinder werden am neuen Ort wieder eingeschrieben. Andere Kinder helfen mit, Geld zu verdienen: auf dem Hof, beim Straßenverkauf, in kleinen Geschäften oder mit anderen Arbeiten.

Besonders gefährlich wird es, wenn Kinder und Jugendliche für illegale Tätigkeiten ausgenützt werden. Manche werden angeworben, weil sie Geld brauchen oder weil sie keinen anderen Weg sehen. Genau deshalb sind Schutz, Bildung und verlässliche Begleitung so wichtig.

Wie ist die Situation von Mädchen?
Mädchen tragen oft eine besonders schwere Last. Sie übernehmen viel Arbeit im Haushalt, passen auf jüngere Geschwister auf oder sind lange allein zu Hause. Manche erleben verbale Gewalt, Belästigung oder sexualisierte Gewalt – zu Hause, in der Schule oder im Umfeld.

Darum arbeitet Vicaría del Sur mit Mädchen und Buben daran, den eigenen Körper zu kennen und zu schützen. Sie lernen: Ich darf Nein sagen. Ich darf Hilfe holen. Was mir passiert, ist wichtig. Und ich habe ein Recht darauf, sicher aufzuwachsen.

Ihr verbindet den Schutz des eigenen Körpers mit dem Schutz des Regenwaldes. Wie ist das gemeint?
Für uns hängen diese beiden Dinge zusammen. Kinder lernen: Mein Körper ist wertvoll. Niemand darf ihn verletzen, ausnützen oder misshandeln. Genauso ist auch die Erde wertvoll. Wasser, Boden, Tiere, Pflanzen und Samen dürfen nicht ausgebeutet oder zerstört werden.

Wenn Kinder verstehen, dass ihr eigenes Leben Schutz verdient, können sie auch besser verstehen, warum die Natur Schutz braucht. Und umgekehrt: Wer sich um Wasser, Pflanzen und Tiere kümmert, lernt Verantwortung für das Leben.

Was macht Vicaría del Sur konkret mit Kindern und Jugendlichen?
Wir arbeiten spielerisch und praktisch. Kinder und Jugendliche lernen über ihr Recht auf Nahrung, über gesunde Ernährung, Hygiene, Wasser, Boden und Saatgut. Sie legen Schul- und Hausgärten an, bauen Gemüse an, lernen Lebensmittel nicht zu verschwenden und kochen gemeinsam gesunde Gerichte.

Beim Umweltschutz geht es ebenfalls ganz konkret zu: Müll sammeln, Flüsse reinigen, weniger Plastik verwenden, Abfälle trennen, Bäume und Pflanzen an Wasserquellen setzen. Die Kinder besuchen auch sogenannte Amazonas-Höfe und sehen dort, wie Landwirtschaft funktionieren kann, ohne Wald, Boden und Wasser zu zerstören.

Was sind diese Amazonas-Höfe?
Ein Amazonas-Hof ist kein Hof nach einem fertigen Rezept. Jede Familie schaut zuerst: Was gibt es hier? Wo ist Wasser? Wie ist der Boden? Welche Bäume wachsen? Welche Samen sind vorhanden? Was braucht die Familie zum Essen?

Dann wird gemeinsam geplant. Es geht um Gemüse, Obst, kleine Tiere, den Schutz von Wasserquellen, gesunde Böden und einheimisches Saatgut. Die Familien lernen Methoden, die zum Amazonasgebiet passen. So können sie vielfältiger anbauen, sich besser ernähren und manchmal auch Überschüsse verkaufen.

Wie verändert diese Arbeit das Leben der Kinder und Familien?
Viele Familien gewinnen neues Vertrauen in das, was sie können. Sie sehen: Unser Wissen als Bäuer*innen ist wertvoll. Unser Hof kann Nahrung geben. Unsere Kinder können lernen, wie man Wasser, Boden und Pflanzen schützt.

Für Kinder bedeutet das: Sie erleben, dass sie etwas beitragen können. Sie pflanzen, pflegen, ernten, fragen nach und geben Wissen weiter. Das stärkt ihr Selbstvertrauen. Und sie erfahren: Ich habe Rechte. Ich habe eine Stimme. Ich kann mit anderen etwas verändern.

Werden auch Eltern und Familien einbezogen?
Ja. Eltern, Geschwister und Betreuungspersonen werden eingeladen, an Bildungsräumen teilzunehmen. Dort geht es um Respekt, Dialog, Selbstschutz, Vertrauen und sichere Grenzen. Familien lernen, wie Kinder besser geschützt werden können und wie sie über schwierige Themen sprechen können.

Das stärkt die Beziehungen in den Familien. Kinder trauen sich eher, über Angst, Unsicherheit oder Grenzverletzungen zu sprechen. Eltern lernen, genauer hinzuhören und früher zu erkennen, wenn Kinder Schutz brauchen.

Was wünschen sich Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit?
Sie mögen vieles, was Kinder und Jugendliche überall gerne machen: Fußball spielen, im Fluss baden, Ausflüge machen, Musik hören, tanzen, in sozialen Netzwerken unterwegs sein. Viele interessieren sich auch für ihr Land, für einheimisches Saatgut, für Tiere, Pflanzen und die Schönheit ihrer Umgebung.

Besonders gern engagieren sie sich dort, wo sie sofort sehen, dass sich etwas verändert: bei Wandmalereien, beim Müllsammeln, beim Reinigen von Parks oder Flüssen, in Pfarrgruppen, bei Besuchen von kranken Menschen oder bei Solidaritätsaktionen.

Welche Botschaft habt ihr an die Menschen in Österreich, die das Sternsingen unterstützen?
Danke für eure Großzügigkeit und eure Solidarität. Eure Unterstützung zeigt, dass euch nicht egal ist, was in anderen Teilen der Welt geschieht. Sie hilft Kindern, die Nahrung, Bildung, Schutz und neue Möglichkeiten brauchen.

Mit eurer Hilfe können Kinder und Jugendliche Hoffnung behalten. Sie können lernen, dass ein besseres Leben möglich ist — für sich selbst, für ihre Familien und für das gemeinsame Haus, unsere Schöpfung.

 

Wo sind unsere Partner*innen von Vicaría del Sur aktiv?

Vicaría del Sur ist im Departamento Caquetá aktiv. Caquetá heißt ein Fluss und der gleichnamige politischer Verwaltungsbezirk im Süden Kolumbiens. Hier gehen die Anden in das Amazonasbecken über. Die Region ist für ihre große Vielfalt an Tieren und Pflanzen bekannt.  

Der Regenwald steht jedoch unter starkem Druck. Waldflächen werden für Viehzucht, Straßen, Monokulturen und illegalen Bergbau abgeholzt. Pestizide und beim Goldabbau eingesetzte Schadstoffe belasten Böden und Wasser. Mit schlimmen Folgen für Natur, Tiere und Menschen: Pflanzen- und Tierarten verschwinden, fruchtbare Böden gehen verloren und Wasserquellen werden verschmutzt, gesunde Nahrungsmittel sind teure Mangelware. 

Fehlende wichtige Infrastruktur für Trink- und Abwasser und der Klimawandel mit Starkregen-Ereignissen und extremen Trockenzeiten erschweren die Landwirtschaft zusätzlich. Bewaffnete Gruppen und Drogenbanden kontrollieren Transportwege, erpressen Schutzgelder und verbreiten Gewalt und Angst. 

Unsere Partner*innen von Vicaría del Sur unterstützen Familien deshalb dabei, sogenannte “Amazonas-Höfe” aufzubauen. Diese verbinden den Anbau vielfältiger Lebensmittel mit dem Schutz von Wald, Boden, Wasser und lokal angepasstem Saatgut und stärken die Verbundenheit mit der Heimat.

Wie leben die Menschen im kolumbianischen Amazonasgebiet?

Während des Bürgerkriegs hat es viele Menschen auf der Flucht vor bewaffneten Konflikten, auf der Suche nach Arbeit in der Landwirtschaft ins Departemento Caquetá verschlagen oder sie wurden hierher zwangsumgesiedelt. 

Viele fanden Arbeit in der Rinderzucht. Riesige Weideflächen prägen die Landschaft hier. Dafür wird nach wie vor hektarweise Regenwald abgeholzt, obwohl der Boden für Rinderzucht völlig ungeeignet ist und die Transportwege lang und unsicher sind. 

Die Menschen leben hier in sehr einfachen Behausungen, meist aus Holz. Der Fußboden ist, wenn überhaupt, zementiert, die Dächer aus Zink. Das tropische Klima setzt den Häusern sehr zu. Aufgrund der geringen finanziellen Ressourcen bessern die Bewohner*innen aber nur das Nötigste aus. 

Ein riesiges Problem ist das Wasser: In den Gemeinden gibt es mittlerweile Wasserleitungen. Doch in nur 5 von 7 Gemeinden sind die Trinkwasser-Aufbereitungsanlagen auch in Betrieb, nur in den seltensten Fällen werden die Abwässer gefiltert oder geklärt. Außerhalb der Gemeinden versorgen sich die Kleinbäuer*innen direkt aus den umliegenden Quellen und Flüssen, in die dann auch wieder die Abwässer ungefiltert zurückgeleitet werden.  

Die gesundheitliche Versorgung ist schlecht zugänglich. Insbesondere kommt es immer wieder zu Engpässen bei wichtigen Medikamenten, weil sie aufgrund der langen und unsicheren Transportwege nicht geliefert werden. 

Warum sind Kinder dort gefährdet?

Viele Kinder und Jugendliche wachsen inmitten dieser beeindruckenden Natur in Armut auf und erleben Umweltzerstörung und Gewalt. Die Folgen sind Mangelernährung und Schulabbrüche, die insbesondere seit der Covid19-Pandemie unter den 14- bis 17-Jährigen wieder zunehmen. Einige Kinder und Jugendliche müssen zum Familieneinkommen beitragen: Sie arbeiten beispielsweise in der Landwirtschaft, im Straßenverkauf oder in Minen. 

Ohne abgeschlossene Schul- und Ausbildungen haben sie nur wenige Möglichkeiten, Geld zu verdienen: Dann ist das Risiko, von kriminellen und bewaffneten Gruppen ausgebeutet zu werden, besonders groß: Jugendliche werden für den Anbau oder Transport von Drogen oder Waffen, als Informant*innen oder für bewaffnete Tätigkeiten angeworben werden. 

Mädchen sind zusätzlich von Benachteiligung und sexualisierter Gewalt bedroht. Sichere Räume und Kenntnisse über die eigenen Rechte sind deshalb besonders wichtig. 

Daher steht Gewaltprävention bei unseren Partner*innen von Vicariá del Sur ganz oben auf der Agenda: Sie verbinden den Schutz des eigenen Körpers und der eigenen Rechte mit dem Schutz von Territorium und Umwelt. Die Kinder und Jugendlichen erfahren, dass sie Teil der Schöpfung und deshalb schützenswert sind. Gleichzeitig lernen sie Gefahren zu erkennen und Hilfe zu holen.

Wie unterstützt die Vicaría del Sur Kinder und Familien?

Vicariá del Sur ist tief in den Pfarren und Gemeinden des südlichen Caquetá verwurzelt. Sr. Yolima Salazar Higuera und ihr Team kennen die Lebensrealität der Familien und erreichen auch abgelegene Gemeinden. Sie arbeiten eng mit Schulen, Pfarren und Gemeinden zusammen. Ihre seelsorgerischen Tätigkeiten verbinden sie mit Fragen der Menschenrechte und des Umwelt- und Klimaschutzes. 

Die Mitarbeiter*innen begleiten Kleinbäuer*innen im Aufbau und in der Bewirtschaftung von ökologischen Landwirtschaften (“Amazonas Höfe”) begleiten. Über heimische Nutzpflanzen, lokales, an den Amazonas angepasstes Saatgut und selbst hergestellten Biodünger können die Kleinbäuer*innen gesunde Nahrungsmittel produzieren und ihre Kosten geringhalten. Zugleich leisten sie so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. 

Bereits Kinder und Jugendliche erfahren in der Schule und in der Pfarre, wie sie die den Wald und die Flüsse sauber halten und schützen können. In Schul- und Pfarrgärten erleben sie, wie aus einem Samen, eine Pflanze, Gemüse oder Obst wächst, das sie dann gemeinsam zu gesunden Mahlzeiten zubereiten. So sehen sie, wie wichtig für die Produktion gesunder Nahrungsmittel eine intakte Umwelt ist, und erkennen: Die Natur muss geschützt werden, damit sie Leben spendet. 

In Verbindung von Naturschutz und Kinderrechten erfahren die Kinder und Jugendlichen, dass sie selbst Teil der Schöpfung und deshalb schützenswert sind. Gleichzeitig lernen sie Gefahren zu erkennen und Hilfe zu holen. 

 

Corporación Colombia: Hintergründe und Details

Im Gespräch mit Corporación Colombia Joven - Langfassung

„Viele Jugendliche wollen nicht weg – sie wollen eine Chance“

Im Norden des Cauca in Kolumbien arbeitet die Corporación Colombia Joven mit Kindern, Jugendlichen und Familien in afro-kolumbianischen Gemeinschaften. Im Interview erzählen Carlos Edwin Ararat García und Xiomara Áponza Gamboa, warum sauberes Wasser, ein Stück Land, ein sicherer Schulweg und echte Zukunftschancen für junge Menschen so wichtig sind.

Carlos, wie leben die Menschen im Norden des Cauca?
Carlos Edwin Ararat García: Die Menschen hier haben eine starke Kultur und halten viel zusammen. Viele Familien kennen einander seit Generationen, es gibt Musik, Tanz, gemeinsame Arbeit und viel Wissen darüber, wie man mit der Natur lebt. Gleichzeitig ist der Alltag für viele sehr hart.

Viele Menschen haben keine feste Arbeit. Sie verdienen ihr Geld mit Gelegenheitsjobs: in Fabriken, als Wachpersonal, im Straßenverkauf, als Motorradtaxi-Fahrer*innen oder mit kleinen Dienstleistungen. Oft wissen sie am Morgen nicht, wie viel Geld sie am Abend nach Hause bringen werden.

Besonders sichtbar ist das bei vielen Frauen, die Lotterielose verkaufen. Manche gehen schon um fünf Uhr früh los und sind bis am Abend unterwegs. Trotzdem reicht das, was sie verdienen, oft kaum für das Nötigste.

Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?
Carlos: Früher konnten viele Familien auf kleinen Feldern Lebensmittel für sich selbst anbauen. Heute ist das schwieriger. Ein großer Teil des Landes wird für Zuckerrohr genutzt. Diese riesigen Felder nehmen viel Platz ein. Für Familien bleiben oft nur kleine Parzellen oder gar kein eigenes Land.

Dort, wo Menschen noch anbauen können, wachsen Kochbananen, Maniok, Mais, Bohnen, Gemüse, Mangos, Papayas, Limetten oder Heilpflanzen. Das ist nicht nur wichtig, weil es Essen bringt. Es ist auch Teil ihrer Geschichte und Kultur.

Aber wenn Familien kein Land haben, müssen sie Lebensmittel kaufen. Und wenn die Preise steigen oder das Einkommen fehlt, wird das schnell zum Problem.

Was bedeutet das konkret für den Alltag?
Carlos: Ein zentrales Thema ist Wasser. Viele Familien haben keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser. Manche müssen Wasser aus Brunnen, Zisternen oder unbehandelten Quellen holen. Das kostet Zeit, ist anstrengend und kann krank machen. Besonders Frauen und Kinder tragen diese Belastung.

Auch das Wetter verändert sich. Es regnet nicht mehr so verlässlich wie früher, Trockenzeiten dauern länger, Ernten fallen aus. Wenn Mais, Maniok oder Kochbananen nicht wachsen, fehlt Essen — und auch Einkommen.

Die Region ist auch von Gewalt betroffen. Wie wirkt sich das aus?
Carlos: Viele Jugendliche wachsen mit Angst und Unsicherheit auf. Es gibt Gruppen, die versuchen, Kontrolle über Viertel und Wege zu bekommen. Manche Jugendlichen werden unter Druck gesetzt oder angeworben, weil sie keine Arbeit, keine Ausbildung und keine anderen Möglichkeiten sehen.

Für Familien bedeutet das: Sie überlegen genau, wann Kinder das Haus verlassen, welche Wege sicher sind und wo sie sich aufhalten können. Manche Aktivitäten sind nicht selbstverständlich, weil immer die Frage mitschwingt: Ist das sicher?

Deshalb sind geschützte Räume so wichtig. Orte, an denen Kinder spielen, lernen, tanzen, reden und einfach Kind sein können.

Xiomara, wie erleben Kinder und Jugendliche diese Situation?
Xiomara Áponza Gamboa: Viele Kinder und Jugendliche tragen sehr viel mit sich. Einige erleben Gewalt zu Hause oder in ihrem Umfeld. Andere müssen arbeiten, obwohl sie eigentlich lernen und spielen sollten. Manche Mädchen werden sehr früh schwanger. Viele junge Menschen haben das Gefühl, dass ihnen niemand zuhört.

Das wirkt sich auf die Schule aus, auf ihr Selbstvertrauen und auf die Frage: Was kann einmal aus mir werden?

Wir sehen aber auch: Wenn Kinder und Jugendliche einen sicheren Raum bekommen, verändern sie sich. Sie beginnen zu sprechen, Fragen zu stellen, sich auszudrücken und wieder Pläne zu machen.

Was macht ihr konkret mit ihnen?
Xiomara: Wir bieten Workshops, Spieltage, Kinoabende, Zeltlager, Tanz, Musik, Zeichnen und Gespräche an. Dabei geht es nicht nur um Freizeit. Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche lernen: Ich habe Rechte. Ich darf Nein sagen. Ich darf Hilfe holen. Ich kann mit meinen Gefühlen umgehen. Ich kann etwas in meiner Gemeinschaft beitragen.

Bei einem Kinoabend schauen sie zum Beispiel nicht nur einen Film. Danach sprechen wir darüber: Was hat das mit unserem Leben zu tun? Bei Tanz oder Musik geht es nicht nur um Auftritte, sondern auch um Selbstvertrauen, Zusammenhalt und Stolz auf die eigene Kultur.

Welche Rolle spielt die afro-kolumbianische Herkunft?
Xiomara: Sie ist sehr wichtig. Für viele Kinder und Jugendliche bedeutet sie: Ich komme aus einer Geschichte, die stark ist. Unsere Musik, unsere Tänze, unsere Erzählungen, unsere Art miteinander zu leben — all das hat Wert.

Viele Kinder erleben auch Ausgrenzung und Rassismus. Umso wichtiger ist es, dass sie spüren: Du musst dich nicht verstecken. Deine Herkunft ist eine Stärke.

Ihr unterstützt Jugendliche auch dabei, eigenes Geld zu verdienen. Wie sieht das aus?
Xiomara: Wir arbeiten ganz praktisch. Jugendliche lernen, Mais, Maniok, Kochbananen, Bohnen, Orangen oder Kakao anzubauen. Manche bauen kleine Gärten auf, andere züchten Hühner oder Schweine. Ein Teil ist für die Familie, ein Teil kann verkauft werden.

Wir unterstützen sie auch mit Werkzeugen, Saatgut, Materialien oder kleinem Startkapital. Dazu kommt Wissen: Wie rechne ich Preise aus? Wie verkaufe ich meine Produkte? Wie kann ich über soziale Medien Menschen erreichen?

Auch Kultur kann Einkommen bringen. Manche Jugendgruppen tanzen, machen Musik oder Videos und können damit bei Veranstaltungen auftreten oder kleine Aufträge übernehmen.

Was verändert sich dadurch?
Xiomara: Jugendliche erleben: Ich kann etwas. Ich bin nicht nur auf Hilfe angewiesen. Ich kann selbst etwas aufbauen.

Manche übernehmen Verantwortung in Gruppen. Andere verdienen zum ersten Mal eigenes Geld. Wieder andere werden zu Vorbildern für jüngere Kinder. Das ist sehr wertvoll, weil es zeigt: Es gibt andere Wege als Gewalt, Arbeitslosigkeit oder Weggehen.

Werden auch die Familien einbezogen?
Xiomara: Ja. Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, die sie begleiten. Deshalb arbeiten wir auch mit Müttern, Vätern und Betreuungspersonen. Wir sprechen darüber, wie Kinder geschützt werden können, welche Gefahren es gibt und wie Familien besser miteinander umgehen können.

Es gibt auch gemeinsame Aktivitäten wie Spieltage, Bingo oder Tanzfitness. Das klingt einfach, ist aber wichtig. Viele Familien haben im Alltag wenig Zeit füreinander. Solche Momente schaffen Nähe und Vertrauen.

Was möchtet ihr den Menschen in Österreich sagen, die das Sternsingen unterstützen?
Carlos und Xiomara: Wir möchten von Herzen Danke sagen. Eure Unterstützung kommt bei Kindern, Jugendlichen und Familien an. Sie ermöglicht Workshops, sichere Treffpunkte, Musik, Tanz, Bildung, Gärten, Tiere, Werkzeuge und neue Chancen.

Für uns ist das mehr als eine Spende. Es ist ein Zeichen: Ihr seht uns. Ihr glaubt an unsere Kinder und Jugendlichen. Ihr helft mit, dass sie lernen, wachsen und von einer besseren Zukunft träumen können.

Oder wie wir hier sagen: Möge es zum Guten sein.

 

Wo sind unsere Partner*innen von Corporación Colombia Joven aktiv?

Die Corporación Colombia Joven arbeitet im Norden des Departements Cauca in Kolumbien, unter anderem in den Gemeinden Villa Rica, Puerto Tejada, Guachené und Caloto. Die Bevölkerung ist mehrheitlich afro-kolumbianisch. Die Region ist geprägt von einer starken kulturellen Tradition und gemeinschaftlichem Zusammenhalt, zugleich aber auch von großen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten. CCJ arbeitet mit Kindern, Jugendlichen, Familien, Schulen und lokalen Organisationen zusammen.

Wie leben die Menschen im im Norden des Cauca?

Viele Familien leben von unsicheren und informellen Einkommen. Menschen arbeiten beispielsweise als Tagelöhnerinnen, im Straßenverkauf, als Motorradtaxi-Fahrerinnen, im Wachdienst oder in Fabriken. Landwirtschaft wird meist auf kleinen Flächen betrieben. Angebaut werden unter anderem Mais, Bohnen, Maniok, Kochbananen, Gemüse, Kakao und Obst.

Gleichzeitig nimmt der großflächige Zuckerrohranbau viel Land in Anspruch. Dadurch stehen Familien weniger Flächen für den eigenen Lebensmittelanbau zur Verfügung. Auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist in mehreren Gemeinden schwierig. Viele Familien sind auf Brunnen, Zisternen oder unbehandelte Wasserquellen angewiesen.

Warum sind Kinder dort gefährdet?

Kinder und Jugendliche wachsen teilweise unter schwierigen Bedingungen auf. In den Projektunterlagen werden unter anderem Armut, familiäre Gewalt, Kinderarbeit, frühe Schwangerschaften, schwache Bildungsangebote und soziale Ungleichheit genannt. Hinzu kommen Gewalt und Unsicherheit durch kriminelle und bewaffnete Gruppen. Jugendliche können dadurch unter Druck geraten oder für illegale Aktivitäten angeworben werden.

Viele junge Menschen haben außerdem nur eingeschränkte Möglichkeiten, nach der Schule eine Ausbildung zu beginnen oder eine sichere Arbeit zu finden. Auch Umweltprobleme wie fehlendes Trinkwasser, Luft- und Wasserverschmutzung sowie zunehmende Trockenperioden und Überschwemmungen belasten ihren Alltag.

Wie unterstützt die Corporación Colombia Joven Kinder, Jugendliche und Familien?

CCJ schafft sichere Bildungs- und Freizeiträume, in denen Kinder und Jugendliche spielen, tanzen, musizieren, zeichnen und miteinander ins Gespräch kommen können. In Workshops beschäftigen sie sich unter anderem mit ihren Rechten, Gefühlen, Beziehungen, persönlichen Fähigkeiten und Zukunftsplänen. Ein wichtiger Schwerpunkt ist auch die Stärkung der afro-kolumbianischen Identität und des Selbstvertrauens.

Jugendliche werden außerdem dabei begleitet, berufliche und wirtschaftliche Perspektiven zu entwickeln. Sie können zum Beispiel Landwirtschaft betreiben, Hühner oder Schweine halten, Lebensmittel produzieren oder lernen, ihre Produkte zu vermarkten. Familien werden durch Beratungs- und Gemeinschaftsangebote einbezogen, besonders wenn es um Schutz, Erziehung und das Zusammenleben geht.

 

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