„Kinder lernen: Mein Körper ist wertvoll – und auch der Regenwald“
Im Süden von Caquetá, im kolumbianischen Amazonasgebiet, begleitet Vicaría del Sur Kinder, Jugendliche und kleinbäuerliche Familien. Es geht um gesunde Nahrung, sauberes Wasser, Schutz vor Gewalt und den Regenwald. Im Interview erzählt das Team, warum ein Garten, ein Samenkorn oder ein geschützter Treffpunkt für Kinder viel mehr sein können als nur ein Projektangebot.
Wie leben die Familien im Süden von Caquetá?
Viele Familien leben von dem, was ihre kleinen Höfe hergeben. Sie halten Rinder, verkaufen Milch oder Käse und bauen Kochbananen, Maniok, Mais, Kakao, Ananas, Gemüse oder Zuckerrohr für Panela an. Aber das Leben ist hart. Die Wege sind schlecht, der Transport ist teuer, und oft bekommen die Bäuer*innen nur niedrige Preise für ihre Produkte.
Wenn es stark regnet, können manche Straßen kaum befahren werden. Dann wird es noch schwieriger, Milch, Käse oder Gemüse zu verkaufen. Dazu kommen lange Trockenzeiten, unsichere Ernten und zu wenig Geld für Saatgut, Werkzeuge oder eine bessere Bewässerung.
Was bedeutet das für den Alltag der Menschen?
Viele Häuser sind sehr einfach gebaut: aus Holz oder einfachen Materialien, mit Zinkdächern und Böden aus Erde oder Zement. Das feuchte Klima setzt den Häusern stark zu. Weil das Geld knapp ist, können viele Familien nur das Notwendigste ausbessern.
Auch Wasser ist ein großes Thema. Auf dem Land holen viele Familien ihr Wasser direkt aus Bächen, Quellen oder Flüssen. Dieses Wasser ist nicht gereinigt. Gleichzeitig wird Abwasser oft nicht ausreichend behandelt. Das verschmutzt die Flüsse weiter und gefährdet die Gesundheit der Menschen.
Wie ist die Ernährungssituation der Familien?
Viele Familien essen zu wenig Eiweiß, Gemüse und Obst. Oft kommen vor allem günstige Lebensmittel auf den Tisch, die zwar satt machen, aber nicht genug Nährstoffe liefern. Wenn das Einkommen niedrig ist, wird zuerst dort gespart, wo es besonders weh tut: bei gesunder Nahrung.
Dazu kommt, dass auf manchen Höfen weniger Lebensmittel angebaut werden als früher. Saatgut geht verloren, Böden werden schlechter, und manche Familien weichen auf andere Einkommensquellen aus, weil sie hoffen, damit rascher Geld zu verdienen. Für Kinder ist das besonders problematisch: Sie brauchen gute Nahrung, damit sie gesund wachsen, lernen und sich gut entwickeln können.
Welche Rolle spielt der Regenwald dabei?
Der Regenwald ist Lebensgrundlage. Er schenkt Wasser, Nahrung, Schatten, fruchtbare Böden, Tiere, Pflanzen und Samen. Aber er steht stark unter Druck. Wald wird für Weideflächen gerodet. Flüsse werden durch Schadstoffe verschmutzt. Der Goldabbau und andere Eingriffe zerstören Wasserquellen und Lebensräume.
Wenn Wald verloren geht, verändert sich auch das Klima vor Ort. Regenzeiten und Trockenzeiten werden unberechenbarer. Pflanzen wachsen schlechter, Tiere verschwinden, und Familien verlieren einen Teil ihrer Ernährung und ihrer Sicherheit.
Wie wirkt sich die Gewalt in der Region aus?
Viele Familien leben mit Angst. In der Region sind bewaffnete und kriminelle Gruppen aktiv. Sie versuchen, Wege, Handel und wirtschaftliche Aktivitäten zu kontrollieren. Für die Bevölkerung bedeutet das Unsicherheit, Misstrauen und die Sorge, dass junge Menschen in gefährliche Situationen hineingezogen werden.
Besonders für Kinder und Jugendliche ist das belastend. Manche Familien verlassen ihre Höfe, weil sie ihre Kinder schützen wollen. Andere bleiben, aber leben mit der ständigen Frage: Ist der Weg sicher? Können die Kinder unbeschwert zur Schule gehen? Welche Zukunft haben Jugendliche hier?
Was bedeutet all das konkret für Kinder und Jugendliche?
Wenn Eltern kein ausreichendes Einkommen haben, leiden Kinder zuerst. Manche Familien ziehen auf der Suche nach Arbeit weg. Dann wird der Schulbesuch unterbrochen, und nicht alle Kinder werden am neuen Ort wieder eingeschrieben. Andere Kinder helfen mit, Geld zu verdienen: auf dem Hof, beim Straßenverkauf, in kleinen Geschäften oder mit anderen Arbeiten.
Besonders gefährlich wird es, wenn Kinder und Jugendliche für illegale Tätigkeiten ausgenützt werden. Manche werden angeworben, weil sie Geld brauchen oder weil sie keinen anderen Weg sehen. Genau deshalb sind Schutz, Bildung und verlässliche Begleitung so wichtig.
Wie ist die Situation von Mädchen?
Mädchen tragen oft eine besonders schwere Last. Sie übernehmen viel Arbeit im Haushalt, passen auf jüngere Geschwister auf oder sind lange allein zu Hause. Manche erleben verbale Gewalt, Belästigung oder sexualisierte Gewalt – zu Hause, in der Schule oder im Umfeld.
Darum arbeitet Vicaría del Sur mit Mädchen und Buben daran, den eigenen Körper zu kennen und zu schützen. Sie lernen: Ich darf Nein sagen. Ich darf Hilfe holen. Was mir passiert, ist wichtig. Und ich habe ein Recht darauf, sicher aufzuwachsen.
Ihr verbindet den Schutz des eigenen Körpers mit dem Schutz des Regenwaldes. Wie ist das gemeint?
Für uns hängen diese beiden Dinge zusammen. Kinder lernen: Mein Körper ist wertvoll. Niemand darf ihn verletzen, ausnützen oder misshandeln. Genauso ist auch die Erde wertvoll. Wasser, Boden, Tiere, Pflanzen und Samen dürfen nicht ausgebeutet oder zerstört werden.
Wenn Kinder verstehen, dass ihr eigenes Leben Schutz verdient, können sie auch besser verstehen, warum die Natur Schutz braucht. Und umgekehrt: Wer sich um Wasser, Pflanzen und Tiere kümmert, lernt Verantwortung für das Leben.
Was macht Vicaría del Sur konkret mit Kindern und Jugendlichen?
Wir arbeiten spielerisch und praktisch. Kinder und Jugendliche lernen über ihr Recht auf Nahrung, über gesunde Ernährung, Hygiene, Wasser, Boden und Saatgut. Sie legen Schul- und Hausgärten an, bauen Gemüse an, lernen Lebensmittel nicht zu verschwenden und kochen gemeinsam gesunde Gerichte.
Beim Umweltschutz geht es ebenfalls ganz konkret zu: Müll sammeln, Flüsse reinigen, weniger Plastik verwenden, Abfälle trennen, Bäume und Pflanzen an Wasserquellen setzen. Die Kinder besuchen auch sogenannte Amazonas-Höfe und sehen dort, wie Landwirtschaft funktionieren kann, ohne Wald, Boden und Wasser zu zerstören.
Was sind diese Amazonas-Höfe?
Ein Amazonas-Hof ist kein Hof nach einem fertigen Rezept. Jede Familie schaut zuerst: Was gibt es hier? Wo ist Wasser? Wie ist der Boden? Welche Bäume wachsen? Welche Samen sind vorhanden? Was braucht die Familie zum Essen?
Dann wird gemeinsam geplant. Es geht um Gemüse, Obst, kleine Tiere, den Schutz von Wasserquellen, gesunde Böden und einheimisches Saatgut. Die Familien lernen Methoden, die zum Amazonasgebiet passen. So können sie vielfältiger anbauen, sich besser ernähren und manchmal auch Überschüsse verkaufen.
Wie verändert diese Arbeit das Leben der Kinder und Familien?
Viele Familien gewinnen neues Vertrauen in das, was sie können. Sie sehen: Unser Wissen als Bäuer*innen ist wertvoll. Unser Hof kann Nahrung geben. Unsere Kinder können lernen, wie man Wasser, Boden und Pflanzen schützt.
Für Kinder bedeutet das: Sie erleben, dass sie etwas beitragen können. Sie pflanzen, pflegen, ernten, fragen nach und geben Wissen weiter. Das stärkt ihr Selbstvertrauen. Und sie erfahren: Ich habe Rechte. Ich habe eine Stimme. Ich kann mit anderen etwas verändern.
Werden auch Eltern und Familien einbezogen?
Ja. Eltern, Geschwister und Betreuungspersonen werden eingeladen, an Bildungsräumen teilzunehmen. Dort geht es um Respekt, Dialog, Selbstschutz, Vertrauen und sichere Grenzen. Familien lernen, wie Kinder besser geschützt werden können und wie sie über schwierige Themen sprechen können.
Das stärkt die Beziehungen in den Familien. Kinder trauen sich eher, über Angst, Unsicherheit oder Grenzverletzungen zu sprechen. Eltern lernen, genauer hinzuhören und früher zu erkennen, wenn Kinder Schutz brauchen.
Was wünschen sich Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit?
Sie mögen vieles, was Kinder und Jugendliche überall gerne machen: Fußball spielen, im Fluss baden, Ausflüge machen, Musik hören, tanzen, in sozialen Netzwerken unterwegs sein. Viele interessieren sich auch für ihr Land, für einheimisches Saatgut, für Tiere, Pflanzen und die Schönheit ihrer Umgebung.
Besonders gern engagieren sie sich dort, wo sie sofort sehen, dass sich etwas verändert: bei Wandmalereien, beim Müllsammeln, beim Reinigen von Parks oder Flüssen, in Pfarrgruppen, bei Besuchen von kranken Menschen oder bei Solidaritätsaktionen.
Welche Botschaft habt ihr an die Menschen in Österreich, die das Sternsingen unterstützen?
Danke für eure Großzügigkeit und eure Solidarität. Eure Unterstützung zeigt, dass euch nicht egal ist, was in anderen Teilen der Welt geschieht. Sie hilft Kindern, die Nahrung, Bildung, Schutz und neue Möglichkeiten brauchen.
Mit eurer Hilfe können Kinder und Jugendliche Hoffnung behalten. Sie können lernen, dass ein besseres Leben möglich ist — für sich selbst, für ihre Familien und für das gemeinsame Haus, unsere Schöpfung.